Die Presse der Romandie zerfällt

Zeitungen verschwinden, Kündigungen werden ausgesprochen, Redaktionen fusionieren: Die Presse der Romandie leidet. Es gibt zwar einige Initiativen, doch die einigende Rolle der Zeitungen ist laut einem Medienanalytiker in Gefahr.

Das Ende renommierter Titel wurde in der Romandie lautstark beklagt. Die Entwicklung vermochte dies nicht aufzuhalten. Foto Keystone

«Wenn das so weitergeht, gibt es bald mehr arbeitslose Journalisten als Journalisten, die über Restrukturierungen schreiben.» So drückte es der Bürgermeister von Genf, Sami Kanaan, Ende 2017 an einer Sitzung des Gemeinderats aus. Die Romandie verfügt nicht mehr über genug Leser und Geld, um ihre zahlreichen Zeitungen zu unterhalten.

Als im Sommer 2018 «Le Matin» verschwand, blieben 41 Angestellte auf der Strecke. Dasselbe Schicksal ereilte ein Jahr zuvor «L’Hebdo». Bereits in den 90er-Jahren wurden zwei historische Zeitungen eingestellt: «La Suisse» und das «Journal de Genève», danach «Le Nouveau Quotidien». Die meisten Zeitungen bieten den Schwierigkeiten die Stirn, wobei jedoch keine Zahlen veröffentlicht werden. «Dass die ‹Tribune de Genève› Geld verliert, gibt die Mediengruppe Tamedia zu, ebenso ‹Le Temps›, auch wenn dies nicht bestätigt ist. ‹Le Matin Dimanche› verliert ebenfalls an Boden», fasst Alain Maillard, der bis Ende 2018 Chefredaktor der Mediengewerkschaftszeitung «Edito» war, zusammen.

Eine einzige Zeitung für die Romandie

Ein Teil der Redaktionen von «24 heures» und «La Tribune de Genève» wurden zu einer Superredaktion ihres Herausgebers Tamedia fusioniert. Zu dieser gesellen sich auch Journalisten des «Matin Dimanche». «Diesen Journalisten bleiben nur noch die Lokalnachrichten, der einzige Bereich, der sich nicht exportieren lässt. Dies könnte dazu führen, dass in der Romandie nur noch eine einzige Zeitung existiert», glaubt Fabio Lo Verso, Medienanalytiker und ehemaliger Direktor der Zeitung «La Cité», die Ende 2018 von der Bildfläche verschwand.

Die Gründe dafür sind der Einbruch der Werbeeinnahmen, die sich hin zu Verkaufsplattformen wie Ricardo verschoben haben, und die Erosion der Leserschaft, insbesondere bei den Jungen. «Sie kaufen keine Informationen mehr», meint Alain Maillard und weist auf die Mühen der Zeitungen hin, dem digitalen Trend zu folgen. Dieser Wandel reduziert die Produktionskosten, kann aber die geringeren Werbeeinnahmen aus Onlineanzeigen nicht unbedingt kompensieren.

Die regionale Presse als Werkzeug der Demokratie

Die beiden Romands wünschen sich staatliche Förderung für die Presse, was sich durch eine Verfassungsänderung bewerkstelligen liesse. Sie halten fest, dass Nachrichten über öffentliche Angelegenheiten insbesondere dank des Service Public standhalten. «Die regionale Presse liefert Informationen, die von vielen Menschen konsumiert werden, was für einen demokratischen Diskurs nötig ist», erinnert Alain Maillard.

Die Zeitungen, die überdauern, und die neuen Medien

Gewisse Zeitungen schaffen es, die Schwierigkeiten zu meistern. So etwa die «Liberté» (FR), die halbstaatlich ist. Was den «Courrier» (GE) betrifft, von dem 7000 Exemplare gedruckt werden: Er kann seinen kämpferischen Kurs dank der Unterstützung durch die Leser fortsetzen. Heidi.news, eine Online- und Printzeitung, wird ab dem kommenden Frühling Wissenschaftsjournalismus betreiben. Serge Michel, ein Schweizer Journalist, der früher für «Le Monde» gearbeitet hat, wird die Zeitung leiten. Er hat Unterstützung von Tibère Adler erhalten, der dem Thinktank Avenir Suisse angehört. «Die ersten Mittel stammen von den Gründern selber», gibt Heidi.news bekannt. Schliesslich versuchen sich noch einige Journalisten, die früher für «Le Matin» arbeiteten, an einer originellen Idee, die sie zusammen mit Cafés und Restaurants umsetzen würden.

Weiterlesen: Journalismus in der Finanzklemme

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