Lichtblicke für Jenische, Sinti und Roma

Wandelt sich das gesellschaftliche Klima? – Ein Gesetz, das Fahrende diskriminiert, wird annulliert. Das Volk sagt Ja zu einem umstrittenen Platz für Fahrende. Und eine Umfrage zeigt, dass die Mehrheit die Lebensweise der fahrenden Minderheiten akzeptiert.

Die facettenreiche Schweiz ist voller sprachlicher und kultureller Minderheiten. Das Zusammenleben von Mehrheit und Minderheiten will trotz dieser Grunderfahrung nicht immer gelingen. Das spüren etwa die beiden anerkannten Minderheiten der Jenischen und der Sinti. Besonders jene von ihnen, die noch die fahrende Lebensweise pflegen, sind Vorurteilen ausgesetzt. Tauchen in der Schweiz Gespanne ausländischer Roma auf, ist die Stimmung rasch sehr gereizt.

Doch die Schweizerinnen und Schweizer akzeptieren die Lebensweise der Fahrenden offensichtlich besser als allgemein angenommen. Das zeigt eine im März vorgelegte, repräsentative Studie des Bundesamtes für Statistik und der Fachstelle für Rassismusbekämpfung. 67 Prozent der Befragten sehen die fahrende Lebensweise der hierzulande verwurzelten Jenischen und Sinti als Teil der Schweizer Vielfalt. 56 Prozent finden zudem, die Schweiz müsse mehr für die Erhaltung ihrer Lebensweise tun. Ungeachtet dieser positiven Grundhaltung nehmen die Sorgen der fahrenden Jenischen und Sinti nicht ab. Sie beklagen etwa, die Zahl der Halteplätze für Fahrende nähmen nicht zu, sondern ab. Und Projekte für neue Plätze scheiterten oft an lokaler Opposition.

Besonders hoch gehen die Emotionen, wenn Behörden versuchen, Halteplätze für ausländische Roma zu schaffen. Viele Schweizer Jenische und Sinti sind für solche Angebote. Denn: Sie spürten, wie sich die hochgekochten Vorurteile gegen ausländische Fahrende auch gegen sie richteten. Es brauche also fürs konfliktfreie Miteinander geeignete Nischen für alle.

Ein Debakel drohte kurz vor der Publikation der erwähnten Umfrage. Alles deutete im Februar darauf hin, dass im Kanton Bern das Volk einen geplanten Platz für ausländische Fahrende wuchtig ablehnen würde. Doch der nötige Kredit wurde vom Souverän klar angenommen (53,5 Prozent Ja). Gebaut wird der Platz unweit des kleinen Bauerndorfs Wileroltigen.

Zuerst dieser unerwartete Volksentscheid. Dann die Studie mit ihrer erhellenden Aussage. Und Ende April folgte schliesslich ein wegweisendes Urteil: Das Bundesgericht annullierte Teile des bernischen Polizeigesetzes. Das Gesetz enthielt gegen Fahrende gerichtete Passagen. Es schuf die Möglichkeit, Fahrende, die sich auf einem Grundstück niederlassen, sehr schnell und unter Strafandrohung wegzuweisen, ohne ihnen dabei das in der Schweiz übliche rechtliche Gehör zu gewähren. Das Bundesgericht urteilte, ein solches Sondergesetz sei verfassungswidrig. Die «Radgenossenschaft der Landstrasse», die Dachorganisation der Jenischen und der Sinti der Schweiz, nennt das Urteil «einen wichtigen Schritt für die Verankerung des Minderheitenschutzes in der Schweiz». Und die Gesellschaft für bedrohte Völker bezeichnete den Entscheid der obersten Schweizer Richter als «Präzedenzfall gegen diskriminierende Sondergesetze».

Volksentscheid, Umfrage, Richterspruch: Im Gespräch mit der «Schweizer Revue» bezeichnen Vertreter der Jenischen, Sinti und Roma die drei Signale als kleine «Lichtblicke». Allerdings mit der Betonung auf «kleine» Lichtblicke. Übergewichten dürfe man sie nicht, denn es handle sich nicht um die grosse Befreiung, sagt beispielsweise Daniel Huber, der Präsident der «Radgenossenschaft der Landstrasse», der Dachorganisation der Jenischen und der Sinti der Schweiz. Huber sagt, ihn freue jede Verbesserung: «Aber die Gesamtsituation lässt sich nicht schönreden. Das Grundproblem – besonders der Mangel an Plätzen für Fahrende – ist unverändert.» Die Corona-Pandemie habe die Lage sogar enorm verschärft: «Es standen noch weniger Plätze zur Verfügung als sonst. Die Jenischen und Sinti gingen bei Ausbruch der Pandemie voll vergessen.» Auch die per Umfrage nachgewiesene Akzeptanz der Minderheiten durch die Mehrheit sei noch lange nicht das Ende des erhofften Weges: «Es ist immer noch eher ein ‹Akzeptierenmüssen› als ein ‹Akzeptierenwollen›.» Tatsächlich zeigt sich, dass das Wohlwollen gegenüber Fahrenden rasch schwindet, wenns ganz konkret wird. Das Platzprojekt in Wileroltigen illustriert dies. Vom bernischen Stimmvolk wurde es klar angenommen. Doch in Wileroltigen stemmten sich 91 von 100 Stimmenden gegen das Vorhaben.

Die Ergebnisse der Umfrage zur fahrenden Lebensweise: ogy.de/vielfalt-schweiz

Die Corona-Pandemie bedrängt die Jenischen, Sinti und Roma

Viele selbstständige Jenische, Sinti und Roma verloren im Zuge der Corona-Pandemie ihre Aufträge, bekamen kaum noch Arbeit. Vielen fehlte somit das Einkommen, um die täglichen Lebenskosten zu decken. Sie befinden sich in einer sehr schwierigen finanziellen Situation. Nun ist ein Unterstützungsprojekt entstanden, das den Betroffenen Beratung, Begleitung und finanziellen Support gewähren will. Das Projekt ist breit abgestützt. Die Anlaufstellen der Stiftung Naschet Jenische bieten die Beratung und die Begleitung an. Die Caritas Zürich übernimmt die Auszahlung der Überbrückungshilfen. Das Bundesamt für Kultur unterstützt das Angebot ebenfalls. Die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende hat das Projekt mitinitiiert. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Schweizer Stiftung Glückskette, die derzeit Mittel sammelt für die solidarische Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie in der Schweiz. Spendenkonto: ogy.de/glueckskette

Betroffene Jenische, Sinti und Roma können ihre Anfragen richten an: info@naschet-jenische.ch

Kommentare (6)
  • Petros Krähenbühler/Naxos GR
    Petros Krähenbühler/Naxos GR am 24.07.2020
    Erst mal recht herzlichen Dank für den sehr informativen Artikel, inklusive Anhänge.
    Daraus, speziell aus den Statistiken, bestätigt sich im Endeffekt dasselbe wie bei all den ähnlichen Thematiken. Ob es sich um Farbige, Schwarze, Natives (Ureinwohner), Flüchtlinge, Behinderte oder eben Fahrende handelt, das Verhalten der"Bürger"ist seit jeher ähnlich.
    "Ich, wir habe/n nichts gegen die, ABER, je weiter weg desto besser.
    Gemäss dem Spruch,"Was der Bauer nicht kennt frisst er nicht"...und probieren...heute nicht.
    Jedes Land versteckt sich hinter Ruhm und Heldengeschichten, welche sich zumeist auf irgendwelche zeitgenössische Sagen beziehen.
    Den Schweizer Erziehungsdepartements würde es Mal gut anstehen, die neuzeitlichere Geschichte im 20. Jahrhundert in den Schulstoff zu integrieren.
    Darunter gehört auch das bis heute lieber totgeschwiegene Thema "Kinder der Landstrasse".
    Dazu gibt's genügend informative Literatur.
    ZB.den Bericht Huonker
    Die Freunde der Schwing- und Jodlerfeste sollten sich Mal informieren, woher "ihre" Volksmusik und vorallem deren Instrumentalisierung stammt.
    Wünsche allen einen schönen und gesunden Sommer.

    NB: Falls "Sie" als "Fahrende" zu uns nach Griechenland und vorallem auf die Inseln reisen, denken sie bitte daran: Sie campieren was in Griechenland zumeist verboten ist...
    Fahrende campieren nicht, sie wohnen...
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  • Ramón Putscher , Mexiko city
    Ramón Putscher , Mexiko city am 24.07.2020
    In der Vergangenheit waren wir alle einmal Fahrende und können es wiedereinmal werden. Erinnere dich an deine Jugend! Lustig ist das Zigeunerleben. Sei ein Mensch und lass auch die anderen leben.
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  • Patrick NIEDEROEST/ France/Marseille
    Patrick NIEDEROEST/ France/Marseille am 25.07.2020
    Comme de nombreux pays européens, attention de ne pas trop élargir les aides financières et les droits des minorités ( c'est un combat permanent des ONG et associations pro minoritaires ) qui ont une politique d'asséner sans cesse de nouvelles demandes d'aides financières et de lois "non discriminantes" mais liberticides pour la majorité et l'intégrité de la démocratie.
    D'ailleurs, le constat est sans appel quand on voit ce qui se passe en France où les minorités de toutes sortes ont les faveurs des politiques à la recherche de voix électorales pour garder le pouvoir ! L'impunité, le communautarisme, les crimes et incivilités permanentes sont subit par l'ensemble des citoyens aujourd'hui, résultat de 40 ans d'une politique de pêche aux voix !
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  • Daisy Luscher-Gruaz, 67 ans, Canada, quebec
    Daisy Luscher-Gruaz, 67 ans, Canada, quebec am 25.07.2020
    Woh ! Vraiment contente pour eux. Bravo pour votre beau et BON vote les suisses.
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  • Brigitte Kauffmann Portugal olhão
    Brigitte Kauffmann Portugal olhão am 25.07.2020
    Endlich!!!
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  • Anna Frotier de Bagneux,  France
    Anna Frotier de Bagneux, France vor 3 Wochen
    L’article ‘Lueurs d’espoir pour les Yéniches, les Sinti et les Roms’, indiquait qu’une aire de voyage était prévue pour les gens du voyage étrangers, près du petit village de Wileroltigen dans le canton de Berne.
    J’habite plusieurs mois par an dans le département de l’Essonne 91 ou de nombreuses aires réservées aux gens du voyage ont été installées, cela n’empêche pas que les gens du voyage soient la hantise des municipalités possédant un terrain de sport agréable et un peu isolé ou des sites touristiques possédant un grand parking. L’on voit souvent aussi des dizaines de caravanes installées chez des particuliers, à l’orée d’un bois ou dans un champ ; ces caravaniers sont bien organisés, ils s’installent ensemble, rapidement, mettant autorités et particuliers devant le fait accompli, ils sont équipés de câbles électriques et de tuyaux d’eau long de centaines de mètres afin de se brancher sur un transformateur ou sur une borne incendie. Si l’on proteste leur leitmotiv est ‘La terre est à tout le monde’ et lorsqu’ils daignent partir, ils laissent sur place des dizaines de sacs poubelles.
    Si j’avais un conseil à donner aux autorités Suisse ce serait de demander une caution aux gens du voyage, lorsqu’ils passent la frontière et de la leur rendre à leur sortie du territoire si il n’y a pas eu d’incidents.
    Je tiens à souligner que je ne parles pas ici des Yéniches, Sinti et Roms Suisse, dont je ne connais pas les problèmes, mais bien des gens du voyage dans l’Essonne dont je connais parfaitement les habitudes.
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