Die Neutralität als Schweizer Lebenslüge

Patrick Feuz

Eine Zuger Firma fliegt als Schaltstelle einer Spionageoperation von spektakulärem Ausmass auf. Ab den frühen 1970er-Jahren haben die CIA und der deutsche Nachrichtendienst über manipulierte Chiffriergeräte aus der Schweiz weit über 100 Staaten abgehört. Die Amerikaner haben so womöglich bis in jüngster Zeit Regierungen und Armeen ausspioniert.

Ausgehorcht haben Deutsche und Amerikaner etwa argentinische Generäle im Falkland-Krieg und iranische Revolutionsgarden während der Besetzung der US-Botschaft in Teheran. Sie nehmen für sich in Anspruch, mit der Abhöroperation, die ein halbes Jahrhundert dauerte, Leid abgewendet zu haben. Womöglich haben sie damit aber auch solches angerichtet.

So oder so: Die Enthüllung tut weh. Sie zeigt, dass die Neutralität, die den Schweizerinnen und Schweizern bis heute heilig ist, häufig scheinheilig ist. Die amerikanischen und deutschen Geheimdienste haben direkt von unserer Neutralität und dem guten Tech-Image der Schweiz profitiert – diese waren der Hauptgrund, warum ausgerechnet bei uns so viele Verschlüsselungsgeräte gekauft wurden.

Dass sie manipuliert waren, müssen hiesige Amtsträger gewusst oder zumindest geahnt haben: im Nachrichtendienst und im Militär ebenso wie in Justiz und Politik. Denn die Schweiz stand im Kalten Krieg faktisch im westlichen Lager. Der Schweizer Nachrichtendienst arbeitete eng mit den Amerikanern zusammen und ist bis heute auf US-Hilfe angewiesen.Deshalb wurden und werden Augen zugedrückt.

Man kann es so sagen: Die Neutralität war und ist ein Stück weit Folklore. Streng genommen verbot sie stets nur den Beitritt zu einer Militärallianz. Aber bis heute wird sie quasi als Lebensmotto zelebriert, das sinngemäss lautet: Wir halten es mit allen gleich und uns selber still. Politiker und Militärs belügen damit das Volk, und dieses lässt sich gerne belügen. Umso mehr, als damit auch gute Geschäfte zu machen sind.

Wenigstens im konkreten Fall der manipulierten Chiffriergeräte zahlt die Schweiz nun aber im Nachhinein womöglich einen Preis für ihre Flexibilität, sowohl politisch wie wirtschaftlich. Ob die Guten Dienste der Schweizer Diplomaten oder die Produkte hiesiger Tech-Firmen: Sie könnten mangels Vertrauen in die Unabhängigkeit unseres Landes künftig weniger nachgefragt sein.

Patrick Feuz ist Journalist, Historiker, Autor mehrerer Sachbücher und seit 2015 Chef­­redaktor der Berner Tageszeitung «Der Bund»

Kommentare (6)
  • Nick Durrer, Perth, Australien
    Nick Durrer, Perth, Australien am 27.05.2020
    Die Neutralität der Schweiz hat sich immer nur auf Krieg oder möglichen Krieg bezogen und das ist bis heute so geblieben. Es geht zurück auf die Schlacht von Marignano, wo die Schweizer zum ersten mal einen Krieg für Expansion geführt und verloren haben. Daraus kam die Idee, dass die Schweiz neutral sein muss und nur Krieg führt zur Selbstverteidigung.
    In Friedenszeiten ist das Volk und ihre Führung, die entscheiden, welche Wege genommen werden, um eine friedliche und gute Wirtschaft aufzubauen und wie die soziale Grundlage darin zu erhalten ist, und wenn das gut ist als ein gutes Beispiel für andere Länder gelten kann.
    Als offener Staat können sie sich gleichzeitig aneignen, was von Aussen kommt, wenn sie das als gut empfinden.
    Wichtig ist, dass die Schweiz im Wettbewerb der Länder immer versucht vorne dabei zu sein, was ihnen irgendwie immer gut gelingt, weil sie gute Schulung, gute und harte Arbeit als gut empfinden und für das Wohlergehen von allen gut ist. Eine der guten Eigenschaften, wo die Schweizer haben, ist dass sie kritisch und oft skeptisch sind und nicht alles so einfach hinnehmen und das Vereinsleben, wo sie haben, sie gut zusammenhält.
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  • Alain Leuba, Araguaina, Brésil
    Alain Leuba, Araguaina, Brésil am 27.05.2020
    Je ne vois pas en quoi la vente d'appareils par une entreprise privée viole la neutralité. Il est possible de vendre des armes sous condition, pourquoi pas ce genre d'équipement. Il est évident que pour les gauchistes partisans de la disparition de l'armée, cela paraît une trahison.
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    • Michel Piguet, Praha, République Tchèque
      Michel Piguet, Praha, République Tchèque am 28.05.2020
      Cher Alain Leuba
      Tout d'abord, ce n'est pas la vente qui est critiquée, mais l'usage post vente, c'est à dire la vente d'informations à certains belligérants concernant leur adversaire, où on a d'autres intérêts.
      Pour quelqu'un qui a comme politique "après moi le déluge", c'est OK, mais si on a un poil de sensibilité pour les autres, on peut penser ce qui peut arriver.
      Imaginons que les Iraniens découvrent que c'est grâce à des informations transmises par une entreprise suisse que leur général a été abattu, on peut s'attendre à des difficultés au niveau diplomatique.
      Il n'est pas nécessaire d'être gauchiste pour se rendre compte des dégâts que cela peut poser lorsque c'est connu.
      Quand à la vente d'armes, c'est un peu schizophréne de proposer en même temps les armes et les sparadraps. Pour info, le CIO, c'est à Genève et pas à New York.
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  • Patrick Niederoest, Marseille, France
    Patrick Niederoest, Marseille, France am 27.05.2020
    La neutralité est une excellente chose pour le pays et ses citoyens, et elle est encore meilleure quand elle penche du bon côté pour le pays !
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  • Luis Alejandro González, Cali, Colombia
    Luis Alejandro González, Cali, Colombia am 29.05.2020
    Afortunadamente durante la Guerra Fría Suiza se encontraba de hecho en el bloque Occidental. ¿Qué tal que se hubiera encontrado en el bloque oriental? ¿Acaso sus economías son tan prósperas como la nuestra, y la libertad de expresión extensa y rica con toda clase de opiniones?
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    • Michel Piguet République Tchèque Praha
      Michel Piguet République Tchèque Praha am 06.06.2020
      À mon avis, la neutralité, c'est comme une balance, elle n'a pas à pencher d'un côté plutôt que de l'autre.
      Mis à part cela, c'est clair que la philosophie politique de la Suisse est bien démocratique libéral
      Maintenant, la comparaison de l'économie est délicate à faire, d'une part, les USA que l'on prend en exemple n'ont pas subi une guerre effroyable chez eux, mais ils ont bien profité les premières années de se remplir les poches en vendant tant aux Allemands qu'aux alliés, leur économie n'était pas si géniale que cela, ayant dévalué leur monnaie qui était la référence dans une proportion de 5 à 1 environs.
      On a beaucoup critiqué la colonisation soviétique des pays de l'Est, mais la colonisation des USA dans bien des pays américains n'était pas franchement meilleure, voir Chili avec Pinochet etc
      Ce qui ne veut pas dire que je sois un "inconditionnel" du système soviétique, simplement je remarque que impérialisme qu'il soit de gauche ou de droite reste toujours de impérialisme et est détestable.
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