«Alle wollen an die gleichen schönen Orte»

Wachsende Märkte in Asien, soziale Medien und das typische Touristenverhalten: Das sind laut dem Luzerner Tourismusforscher Jürg Stettler Ursachen von Massentourismus.

Jürg Stettler ist Professor an der Hochschule Luzern. Er leitet dort das Institut für Tourismuswirtschaft.

«Schweizer Revue»: Jürg Stettler, gibt es in der Schweiz «Overtourism»?

Jürg Stettler: An einigen Orten zeigen sich ähnliche Entwicklungen wie in den oft kolportierten Beispielen Venedig, Barcelona und Amsterdam, aber noch nicht im gleichen Ausmass. Ein objektiver Schwellenwert existiert allerdings nicht. Wir können Indikatoren messen, etwa die Anzahl Touristen im Verhältnis zur Bevölkerung. Doch wann die Grenze zum «Overtourism» erreicht ist, ist eine Frage der Perspektive und der subjektiven Wahrnehmung. Das ist nicht mehr meine Stadt, sagen Anwohner in Luzern und Interlaken. Gleichzeitig finden Inhaber von Souvernirshops: Toll, dass so viele Touristen kommen.

Dichtestress, verdrängter Wohnraum, nur noch Souvenirshops: Kann man das Phänomen «Overtourism» nicht an den Folgen festmachen?

Das sind Kriterien, ja, aber auch sie werden unterschiedlich wahrgenommen. Und die Städte haben ja nicht flächendeckend ein «Overtourism»-Problem. Ich war letztes Jahr im Sommer in Venedig an einer Konferenz. Venedig in der Hochsaison? Ein No-Go, dachte ich aufgrund der medialen Darstellung. Und tatsächlich war es an gewissen Orten zu bestimmten Tageszeiten extrem dicht. Was ich jedoch nicht erwartet hatte: Hundert Meter neben den Hotspots fand ich menschenleere, entspannte Plätzchen vor.

Übertreiben wir Medien mit dem «Overtourism»?

Nein, nur läuft die Diskussion oft verkürzt und auch faktenfrei. Uns fehlen Daten, um eine qualifizierte Einschätzung abgeben zu können. Ich will nicht verharmlosen, bloss den Blickwinkel öffnen.

Was sind die Ursachen des Massentourismus?

Hauptursache sind die global wachsenden Tourismusströme. In grossen Märkten, namentlich China und Indien, können sich immer mehr Leute das Reisen leisten. Dazu kommt: Alle wollen an die gleichen schönen Orte. Das ist kein aussergewöhnliches Reiseverhalten, das machen auch die Schweizer so. Mit der Menge kann es aber zum Problem werden. Drittens: die sozialen Medien. Die Touristen feiern ihre Reisen mit Fotos auf Instagram, Reiseblogger publizieren BucketListen. Was dazu führt, dass noch mehr Leute hingehen.

Eintrittsgelder erheben, Car-Parkplätze verteuern, Touristenströme umlenken, Airbnb einschränken: welches sind wirksame Massnahmen?

Viele Massnahmen sind in historischen Städten gar nicht umsetzbar, oder ihre Wirkung ist beschränkt. Vielmehr braucht eine Destination ganz grundlegend eine Vorstellung davon, welchen Tourismus sie in Zukunft haben will. Dabei sollten alle Akteure einbezogen werden, damit sie später in die gleiche Richtung ziehen. Der Tourismusdirektor von Luzern kann noch lange auf Qualitätstourismus setzen – wenn eine Bergbahn oder ein Uhrengeschäft trotzdem günstige Verträge mit chinesischen Tour-Operators aushandelt und auf Menge setzt, ändert sich nicht viel. Es ist nicht leicht, die Anspruchsgruppen zu managen, doch ich sehe keine Alternative. Sonst regt sich früher oder später Widerstand gegen die Touristen, in der Bevölkerung, mit politischen Vorstössen. Und dann kommt es zu harten Regulierungen, wie zum Beispiel dem Verbot von Airbnb.

Welche nicht überlaufene Destination empfehlen Sie Auslandschweizerinnen und -schweizern, die in der Schweiz Ferien verbringen möchten?

Überall dort, wo man nur zu Fuss oder mit dem Velo hinkommt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, zu bestimmten Tageszeiten eine versteckte Perle vorzufinden. Exemplarisch nenne ich die Fräkmüntegg am Pilatus, zwischen den Kantonen Luzern und Nidwalden. Wer sich dort vor Sonnenuntergang hinaufbegibt, geniesst Ruhe und Aussicht. Aber bitte kein Foto auf Instagram posten!

Weiterlesen: Touristenmassen auf dem Berg und am See

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