Der Cartoon, die Neunte Kunst: In der Schweiz geboren, vom Staat aber kaum gefördert

Der Schweizer Comic ist ausserordentlich lebendig und vielfältig. Die im 19. Jahrhundert vom Genfer Rodolphe Töpffer erfundene Erzählkunst wird noch immer nicht offiziell anerkannt.

Im November 2018 wurde eine kleine Gruppe von Repräsentanten des Schweizer Comics von der Direktion des Bundesamts für Kultur (BAK) empfangen. Das Ziel des Besuchs war, den Bund zu überzeugen, die Neunte Kunst mit der Erschaffung eines Schweizer Comic-Preises und nationalen Stipendien als vollwertige Disziplin anzuerkennen. Das Projekt hätte im Jahr 2019 Teil der Kulturbotschaft werden sollen, die das BAK alle vier Jahre veröffentlicht. Leider konnten die Delegierten des Comic Netzwerks Schweiz nichts erreichen. «Die Kulturbotschaft erwähnt den Comic, aber auch nicht mehr als das. Wir sind enttäuscht, denn wir haben ein echtes Signal für die Anerkennung dieser Kunstform erwartet», bekennt Jana Jakoubek, die künstlerische Leiterin des Fumetto-Festivals in Luzern. «Ich hoffe, dass es an dem Tag, an dem die Comicproduktion ähnlich wie das Theater subventioniert wird, überhaupt noch Bücher gibt», meint Zep ironisch. Der Schöpfer von Titeuf hat weltweit fast 20 Millionen Alben verkauft. Er versteht nicht, warum die Schweizer Behörden sich «trotz der Tatsache, dass Comic-Museen von Korea bis in die USA den Genfer Rodolphe Töpffer als Erfinder des Comics erwähnen», dermassen ängstlich zeigen.

Die Schweiz hat ihre erste Hochschule für Comic-Zeichner

Tom Tirabosco, Mitgründer der 2017 in Genf lancierten ersten Schweizer Hochschule für Comic-Zeichner, setzt sich für den Aufbau eines Schweizer Comic-Zentrums ein. Er beschreibt den Comic als «eine hohe Kunst, die ihre Reife erreicht hat». «Die Autoren setzen sich mit allen möglichen Themen auseinander und entfernen sich dabei mitunter sehr weit vom klassischen franko-belgischen Comic im Stil von Spirou oder Lucky Luke», verteidigt er seine Meinung. «Es handelt sich hier um das einzige künstlerische Medium, das die Schweiz jemals hervorgebracht hat», ergänzt Dominique Radrizzani, Direktor des Lausanner Comic-Festivals BDFIL. Genf erweist der Disziplin mit einem Ibis-Hotel die Ehre, das Töpffer und seinen örtlichen Nachfolgern gewidmet ist (siehe nachfolgende Seite)

Von beiden Ufern der Saane aus exportieren Autorinnen und Autoren ihre Werke ins Ausland. Am zahlreichsten sind dabei die Romands mit Derib, Cosey, Buche, Bertschy, Tirabosco, Peeters und Wazem. Die Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer, gewissermassen Nachfolger der zeitlosen Tradition Wilhelm Buschs, des Schöpfers von «Max und Moritz», zählen einige der grössten Autorinnen und Autoren zu sich – allen voran Thomas Ott und Anna Sommer. Woher also stammt die von Zep erwähnte Ängstlichkeit? «Der Comic wird oft als Unterhaltungskunst oder Industrieprodukt betrachtet», fasst Philippe Duvanel, Leiter des Festivals Delémont’BD, zusammen. Auch er begab sich vor vier Jahren mit einer jurassischen Delegation nach Bern, um für einen Schweizer Comic-Preis zu kämpfen. Er weist jedoch darauf hin, dass Bundesrat Alain Berset, der das BAK beaufsichtigt, diese Kunstform schätze. «Es besteht zweifellos ein Problem mit dem Anspruch des Comic auf staatliche Förderung, obwohl dies bei anderen Disziplinen, etwa dem Theater, nicht der Fall ist», fügt er mit Bedauern hinzu.

Einen Comic zu zeichnen braucht wenig Material, aber viel Zeit

Es braucht zwar nicht viel Material, um einen Comic zu zeichnen, «aber enorm viel Zeit», erklärt Zep. Der Zeichner führt an, dass die Zukunft der Autorinnen und Autoren unsicher ist, denn während die Anzahl der Veröffentlichungen explodiert, werden die Auflagen immer kleiner. Er spricht sich für ein System der Unterstützung nach dem Beispiel des Centre national du livre (CNL) in Frankreich aus, wo Subventionen durch spezialisierte Jurys zugeteilt werden. In der Schweiz existieren lediglich einige kantonale Stipendien, die Bundesbeiträge für Comics werden nicht von spezialisierten Jurys vergeben. Der Comic wird einfach beim Design eingeordnet.

Trotz allem ist der Comic auf dem Weg zur öffentlichen Anerkennung, insbesondere in der Romandie, wo die Städte Lausanne und Genf sich mit einem Zentrum für die Neunte Kunst auseinandersetzen. «Der Schweizer Comic ist dabei, Genf zu einem der wichtigen Orte für diese Kunstdisziplin an der Seite von Paris, Brüssel und Angoulême zu erheben», unterstreicht Tom Tirabosco, Präsident der Swiss Comics Artists Association. Seit 1997 verleiht Genf im Rahmen des Prix Töpffer jedes Jahr Auszeichnungen. Die Schweiz hat auch ein Comic-Museum: Das Cartoonmuseum Basel. Dazu kommen drei grössere Festivals: BDFIL, Fumetto und Delémont’BD. Auch in Aigle (VD), Belfaux (FR), Tramelan (BE) und Lugano finden Anlässe zum Thema statt.

Verleger arbeiten mit Europa zusammen

Das Schweizer Verlagswesen ist nicht untätig. Verlagshäuser wie Atrabile wenden sich dem UndergroundComic zu, und Paquet veröffentlicht sogar Werke in Europa. RVB, eine durch den Genfer Zeichner Yannis La Macchia geführte Sammlung, veröffentlicht Comics im Digitalformat. In der Deutschschweiz findet der Schweizer Comic seine Stimme in Magazinen wie «Ampel», das von einem Luzerner Kollektiv veröffentlicht wird, oder «Strapazin» in Zürich. Der Verlag Edition Moderne hat das neuste Werk von Anna Sommer (siehe Bild gegenüber) veröffentlicht, das auch ins Französische übersetzt wird. Gibt es überhaupt einen Schweizer Comic? «Vielleicht in der Art und Weise, wie dieser Beruf betrachtet wird, der sich in einer gleichzeitig multikulturellen und isolierten Umgebung entwickelt hat», meint Zep abschliessend.

Der Comic ist in einer alternativen Szene entstanden

Der 1799 geborene Genfer Satiriker Rodolphe Töpffer wird als Erfinder der Neunten Kunst angesehen. «Töpffer schrieb Chroniken, die er mit Zeichnungen zur Unterstützung des Textes zusammenschnitt. Er brachte alles zusammen, was den modernen Comic ausmacht», erklärt Dominique Berlie, Kulturberater des Service culturel der Stadt Genf. Montage, Panels, der Effekt der Repetition, Spannungsbogen: Dank seiner Erfindungen erreichte der autodidaktische Schöpfer der «Littérature en estampes» mit Werken wie der «Histoire de Monsieur Jabot» internationalen Erfolg (siehe Seite 10). «Er präsentierte auch eine Theorie zu seiner Kunst und erhielt die Unterstützung von Goethe, der etwas Wichtiges in seiner Arbeit sah», erinnert Dominique Berlie. «Nach ihm hat sich in der Schweiz für lange Zeit nicht mehr viel getan», fährt Jana Jakoubek fort.

«Die Entstehung eines Comics, der sich international verkauft, fand in den 60er- und 70er-Jahren statt. Alles begann mit einem alternativen Comic aus der Welt der Hausbesetzer, der auf Plakaten und in linken Zeitungen veröffentlicht wurde», erzählt Dominique Berlie. In den 70er-Jahren gingen die Genfer Zeichner Ceppi und Poussin nach Paris und schafften es, von grossen Verlegern veröffentlicht zu werden. Anfang der 90er-Jahre publizierte die Genfer Zeitschrift «Sauve qui peut» Zeichner aus dem Kunstgewerbe und ermöglichte es damit jungen Künstlern, sich auszudrücken. Unter ihnen: Zep, Wazem, Baladi, Helge Reumann, Peeters und Tirabosco.

Der junge Zep bot seine Werke einigen lokalen Tageszeitungen an, ohne deren Interesse erwecken zu können. Aber der zukünftige Schöpfer des «Guide du zizi sexuel» stellte erleichtert fest, dass seine Berufskollegen in den Medien aufzutauchen begannen. «Der Erfolg von Leuten wie Derib – dem Autor von Yakari – liess mich an die Möglichkeit des Zeichnens als Beruf glauben», erzählt er. Zep erwähnt auch seine Begegnung mit Cosey, dem Schöpfer von «Auf der Suche nach Peter Pan». «Als Liebhaber der Berge fand ich mich in seinen nachdenklichen Erzählungen, die in den Walliser Alpen spielen, wieder. Dies zeigte, dass wir in einer Epoche, in der solche Gedanken für den Pariser Comic in weiter Ferne lagen, von unseren eigenen, schweizerischen Geschichten sprechen dürfen.»

Der Nachwuchs des Schweizer Comics sei in Bewegung, versichert Dominique Berlie. Sie nennt Autoren wie Peggy Adam, Isabelle Pralong oder Guillaume Long. Ennet der Saane weist Tom Tirabosco auf den Maler Andreas Gefe aus Schwyz hin. Jana Jakoubek zitiert die Arbeiten der jungen Luzerner Noemi Laake und Andreas Kiener, die im Kollektiv und Magazin «Ampel» aktiv sind. (SH)

Fünf Kult-Werke des Schweizer Comics

«Les pilules bleues»
Frederik Peeters
Atrabile
ISBN 978-2-9700165-6-4
31 Franken

«Damen Dramen»
Anna Sommer
Edition Moderne
ISBN 978-3-907010-91-4
26 Franken

«Le Guêpier» (Band 1)
Stéphane Ceppi
Casterman
ISBN 2203335157
vergriffen

«The Number - 73304-23-4153-6-96-8»
Thomas Ott
Fantagraphics Books
ISBN 9781560978756
33 Franken

«Souviens-toi, Jonathan» 
Cosey
Le Lombard
ISBN 2803613107
vergriffen

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