Von Graubünden an den Schwielowsee

Der Schweizer Schriftsteller Silvio Huonder fand seinen eigenen Stil erst in Berlin.

Die Überraschung des Literaturjahres 1997 hiess «Adalina». Der Roman erzählt, wie der Bündner Maculin nach Jahren aus Berlin nach Chur zurückkehrt, um mit seiner toten Cousine und Geliebten Adalina ins Reine zu kommen. Aber statt Befreiung zu finden, erkennt er, dass der Unfalltod des Mädchens auf seine kleinliche Eifersucht zurückzuführen war, und stürzt sich, von Schuldgefühlen geplagt, von einer Felswand ins Leere. Und doch: Kaum je wurde in einem Schweizer Buch so zärtlich, so sinnlich, so erotisch erzählt wie in diesem tragisch endenden Bündner Heimkehrerroman.

«In der Schweiz hätte ich ‹Adalina› nicht schreiben können», gab sein Verfasser, der am 6. Oktober 1954 in Chur geborene Silvio Huonder, 2014 zu Protokoll. In der Tat lässt der 1982 unter dem Pseudonym J. J. Silla publizierte Erstling «Von Silber bis Russ schillert der Regenbogen bei Vollmond» Huonders spätere Qualitäten noch kaum ahnen. Zum eigenen Stil fand er erst in Berlin, wohin er 1990 übersiedelte und wo er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen auch heute noch lebt: Bis 2000 in Berlin Friedrichshain und seither in jenem Dorf am Schwielowsee, das er 2009 im Roman «Dicht am Wasser» porträtiert hat.

Weite des Horizontalen

Von den Bündner Bergen her kommend, fand Huonder in Berlin eine «unglaubliche Weite in der Horizontalen» und jene vom Wasser geprägte Landschaft, die seinem Schreiben adäquat ist. «Von meinem Arbeitszimmer blicke ich auf das Wasser, dessen Oberfläche sich je nach Jahreszeit, Licht und Wetter immer anders zeigt: metallisch schimmernd, vom Wind aufgeschäumt, spiegelglatt ...»

Nach vier Theaterstücken präsentierte er mit «Adalina» das Buch, das ihm ermöglichte, sich «mit Chur auseinanderzusetzen und das Vergangene dann ad acta zu legen». Wobei auch der zweite Roman, «Übungshefte der Liebe», 1998 nochmals einen, diesmal aber versöhnlich endenden Ausbruch eines jungen Schweizers aus seinem Land nachzeichnet.

Mit dem Familienroman «Valentinsnacht» wandte sich Huonder 2006 ganz dem Schauplatz Berlin zu. Die Stadt und ihre Gewässer spielen auch in seinem bis anhin wohl brillantesten Buch, dem Erzählband «Wieder ein Jahr, abends am See» von 2008 eine wichtige Rolle, um dann im bereits erwähnten Roman «Dicht am Wasser» eine Magie zu entwickeln, die sowohl die nacherzählten Schicksale als auch den kriminalistischen Plot nachhaltig prägt. Insgesamt jedenfalls ist Berlin in dem Roman nicht nur Kulisse, sondern auch Erzählgegenstand.

Rückkehr mit einem historischen Roman

2012 hat Huonder sich, in «Die Dunkelheit in den Bergen», nun doch wieder nach Graubünden zurückgetraut. Versetzt ins Jahr 1821 allerdings und in Gestalt von zwei Bündner Söldnern, die aus holländischen Diensten nach Chur heimkehren und im Auftrag des Barons von Mont eine Mordtat klären. Das historische Gewand, die exakt recherchierten Details und die Leuchtkraft von Landschaft und Sprache bringen dabei nicht nur einen glaubwürdig wirkenden, spannenden Kriminalroman hervor, sondern belegen zugleich überzeugend, dass Huonder achtzehn Jahre nach «Adalina» auch des Bündner Schauplatzes und Milieus wieder vollkommen sicher ist. Obwohl seit 25 Jahren Auslandschweizer, hat Huonder die Verbindung zur Heimat nie wirklich gekappt. Als Dozent des Schweizerischen Literaturinstituts zumindest ist er jede Woche im Zug zwischen Berlin und Biel unterwegs ...

Charles Linsmayer ist Literaturwissenschaftler und Journalist in Zürich

«Eine Furcht wächst in ihm. Die Furcht, dass alles, was ihn nun erwartet, nur aus seiner Cousine bestehen wird. Als ob sie ihn am Bahnhof erwarten könnte, Adalina, ein Gespenst aus der Vergangenheit, stumm und vorwurfsvoll.»

(Aus «Adalina», Roman, 1997, Arche-Verlag, greifbar bei Nagel & Kimche)

Bibliografie: Silvio Huonders Werke sind bei Nagel & Kimche, Zürich, greifbar.

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