«Sind die Romands Schweizer?»

Als Reaktion auf das klare Nein zur Masseneinwanderungs-Initiative in der französischen Schweiz wurde der Patriotismus der Romands angezweifelt – öffentlich tat dies zum Beispiel Christoph Blocher, die zentrale Figur der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Das Museum für Pressezeichnung in Morges zeigt nun die Sicht von Pressezeichnern und Karikaturisten auf das Ereignis.

Am 9. Februar 2014 hat sich die Schweiz in eine schwierige Position, viele sagen gar ins Abseits, manövriert. Die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative wird als Zäsur in der Beziehung zwischen der Schweiz und der EU gesehen. Gleichzeitig tangiert die Abstimmung auch den Zusammenhalt zwischen den Landesteilen. Die Romands in der Westschweiz sind von einer Mehrheit von Deutschschweizern (52 Prozent Ja-Stimmen) und von Tessinern (68 Prozent Ja-Stimmen) überstimmt worden. In der Romandie lehten rund 58 Prozent der Stimmenden die Initiative ab. Das Phänomen Röstigraben ist deshalb wieder in aller Munde. Dass Christoph Blocher kurz nach der Abstimmung in einem Interview mit der «Basler Zeitung» verkündete, die Westschweizer hätten immer schon ein schwächeres Bewusstsein für die Schweiz gehabt und deshalb mehrheitlich Nein gestimmt, war zusätzlich Öl ins Feuer. 

Der Röstigraben als Halfpipe 

Der Frage «Sind die Romands tatsächlich die schlechteren Patrioten?» geht nun das «Maison du dessin de presse» in Morges in einer Ausstellung nach. Die Folgen der Annahme der SVP-Initiative stehen dabei im Mittelpunkt. Der Titel der Schau lautet provokativ: «Les Romands sont-ils suisses?» – «Sind die Romands Schweizer?». Die Antworten der knapp dreissig Schweizer Zeichner, die der Einladung des Hauses gefolgt sind und Arbeiten zum Thema eingereicht haben, fallen unterschiedlich aus. Viele bleiben eine klare Antwort schuldig; sie spielen vielmehr mit der gestellten Frage, indem sie diese parodieren. So zeigt etwa ­Orlando – einer der wenigen ausgestellten Deutschschweizer Zeichner – Blocher als Schafsbock, der die zu wenig patriotischen Schafe – sprich die Romands – mit Fusstritten aus der Schweizer Flagge hinausbefördert. ­Chappatte, der wohl bekannteste unter den Westschweizer Pressezeichnern, wartet mit dem Bild eines Grenzpostens zwischen der Deutsch- und der Westschweiz auf. «Vraie Suisse» steht auf einem Schild am Schlagbaum, der die französischsprachige Schweiz von der Deutschschweiz trennt. Das trennende Element ist überhaupt eines der wiederkehrenden Themen der Ausstellung. Es taucht in allen Formen und Variationen auf: als Fluss, als (Rösti-)Graben, als Gebirge, als Canyon, ja sogar als Erdbebenzone und als Halfpipe, durch die Blocher auf dem Skateboard surft.Deutlich zeigt die Ausstellung, dass alle Illustratoren die Initiative und ihre Urheber negativ beurteilen. Die Schau hat auch das Verdienst, dass sie mit ­einem Überblick das heutige Schaffen in einer in der Westschweiz weit verbreiteten Kunstgattung würdigt. Viele Zeichnungen offenbaren auch das Machtverhältnis zwischen den Landesteilen – ob eingebildet oder real existierend, sei dahingestellt. So werden die Deutschschweizer stets einen Kopf grösser als die Romands dargestellt. 

Ausstellung: Les Romands sont-ils suisses? Bis zum 19. August im Maison du dessin de presse in Morges. Geöffnet Mittwoch bis Sonntag 14–18 Uhr

Andrea Kucera ist Redaktorin der «Neuen Zürcher Zeitung»

 

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