Plötzlich nur noch Risikogruppe

Die ältere Bevölkerung in der Schweiz bekam den Shutdown besonders stark zu spüren. Sie erfuhr Solidarität, aber auch Diffamierungen. Die Epidemie wurde zum Stresstest für die Generationenbeziehungen.

Begegnung durch die Trennscheibe: Sohn Daniel auf Visite bei Vater Reymont im Altersheim, Le Locle.

Spontane Solidarität, disziplinierte Distanz: Gaben für Menschen in Not, Zürich.

Improvisieren für die Risikogruppe: Notspital in Stadtzürcher Turnhalle Rämibühl. Fotos Keystone

Die Corona-Krise und die ältere Bevölkerung

Mitte Mai, als die Schweiz den Lockdown zu lockern begann, lancierte Pro Senectute eine Kampagne. Ein Kurzfilm zeigt ältere Menschen in Aktion. Die 66-Jährige, die der Enkelin vorliest, der 84-Jährige, der den Nachbarn die Hecke schneidet. «Das Alter hat viele unverzichtbare Jobs», so die Botschaft. Seit mehr als 100 Jahren kümmert sich Pro Senectute als Fachorganisation um Altersfragen in der Schweiz. Nun reagierte sie darauf, dass sich mit dem Virus der Blick aufs Alter radikal verengt hatte. Wer über 65-jährig war, gehörte pauschal zur Risikogruppe. Zu Beginn der Krise legte das Bundesamt für Gesundheit fest: Die Älteren seien speziell gefährdet und bräuchten Schutz.

Tatsächlich belegte die Infektionsstatistik: Je älter, desto höher das Risiko, an Covid-19 zu sterben. Inzwischen wissen wir aber auch: Corona traf nicht nur Alte. Fast die Hälfte der schwer Erkrankten auf Schweizer Intensivstationen war unter sechzig. Mitte März indes, als die Epidemie sich ausbreitete, war der Kenntnisstand geringer. So rieten die Behörden den Älteren besonders eindringlich: zuhause bleiben, Kontakte meiden, nicht mehr selber einkaufen gehen.Landesweit hielten sich die Leute mehrheitlich daran.

Kollektiv isoliert

Was medizinisch begründet wurde, hatte soziale Folgen. Die 1,6 Millionen über 65-Jährigen in der Schweiz sahen sich kollektiv in die Isolation verbannt. Für die Pflegeheime wurden Besuchsverbote erlassen. Das brachte viel Leid mit sich und konnte Covid-19-Todesfälle trotzdem nicht verhindern. Die überwiegende Mehrheit der alten Menschen in der Schweiz lebt zuhause. Dort mussten nun Geburtstage allein verbracht werden, die Begegnungen ausser Haus fielen von einem Tag auf den anderen weg. Auch ihre gesellschaftliche Aufgabe konnten Rentnerinnen und Rentner nicht mehr wahrnehmen. Grosseltern durften keine Enkel mehr hüten. Bei gemeinnützigen Fahrdiensten fielen die Fahrer aus. Dem Caritas-Laden fehlten die Ehrenamtlichen.

Ein grosser Teil der Schweizer Seniorinnen und Senioren leistet Freiwilligenarbeit. Viele sind nach der Pensionierung noch lange fit und aktiv, auch dank der guten Gesundheitsversorgung und den vorteilhaften Lebensbedingungen. Ihr sozialer Beitrag ist in einem Land, das stark auf Eigenverantwortung setzt, von Bedeutung. Mit der Kinderbetreuung durch die Grosseltern etwa sparen Familien und Staat jährlich acht Milliarden Franken. Dafür alimentieren die Erwerbstätigen mit ihren Lohnabgaben seit über siebzig Jahren die AHV-Renten. Der Generationenvertrag, wie der Zusammenhalt zwischen Jung und Alt genannt wird, hat in der Schweiz Tradition.

«Sündenbock gefunden»

In der Krise kam es nun zum Stresstest. Das Ergebnis ist zwiespältig. Einerseits war grosse Hilfsbereitschaft spürbar. Vielerorts wurden Ältere spontan unterstützt. Oft waren es Junge, die beispielsweise für ältere Nachbarn einkaufen gingen. Anderseits rechneten Zyniker bald vor, dass die Alten doch auch ohne Corona bald stürben. Sie blieben zwar in der Minderheit. Doch Politik und Medien erlaubten sich die Frage, ob wirklich die ganze Schweiz stillgelegt werden müsse, um die gefährdeten Betagten zu schützen. Die Forderung tauchte auf, die Rentner mit ihren gesicherten Einkommen sollten für einen Teil der gewaltigen Kosten des Lockdowns aufkommen. Sonst zahlten jüngere Generationen noch lange die Zeche.

Unter den Älteren selber regte sich mit der Zeit Unmut. Während viele die Einschränkungen gelassen ertrugen, taten sich besonders die jüngeren Älteren – die autonomieversessenen Babyboomer-Jahrgänge – schwer mit ihrer neuen Rolle. Plötzlich waren sie nur noch Risikogruppe und Belastung, anstatt Stützen der Gesellschaft. Einige erlebten Beschimpfungen, weil sie das Haus verliessen. Dabei war das in der Schweiz immer erlaubt. Zum ersten Mal in seinem Leben habe er Diskriminierung gespürt, sagte ein 74-Jähriger dem Schweizer Fernsehen. Was ist da passiert? «In der angespannten Lage wurde mit den Alten ein Sündenbock gefunden», sagt die Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello. Die Krise habe latent vorhandene negative Altersbilder zutage gefördert.

Folgen für die AHV?

Die Berner Wissenschaftlerin sagt, das Alter sei «übergeneralisiert» worden: alle gebrechlich, alle wohlhabend. Das entspreche nicht der Realität. Perrig-Chiello kritisiert, die Verallgemeinerung sei auch von den politisch Verantwortlichen kolportiert worden. Offen bleibt die längerfristige Wirkung der Corona-Krise. Sozialpolitisch wurde schon vor dem Virus intensiv über «Generationenkonflikte» debattiert: Die Schweizer Bevölkerung altert rein demografisch, bei den Sozialwerken wird um Lösungen gerungen, für die Pflege, die Altersvorsorge. Nach Corona werde der Verteilkampf nun härter, prognostizierte die «NZZ am Sonntag». Die Jungen müssten entlastet werden, der Generationenvertrag sei brüchig.

Pasqualina Perrig-Chiello findet, die Epidemie habe eher offengelegt, «wie wenig die Generationen auf gesellschaftlicher Ebene voneinander wissen». Gleichzeitig habe die Schweiz, «allen medialen Diskursen zum Trotz», eine beachtliche Solidarität zwischen den Generationen erlebt. Das sei eine Chance, daran lasse sich anknüpfen: «Der Generationenvertrag könnte auf einer sachlicheren Grundlage neu ausgehandelt werden.» Dass auch Ältere ihren Teil beitragen, war selbst während der Epidemie zu erkennen. Das vielleicht auffälligste Beispiel: Pensionierte Ärzte und Pflegefachpersonen halfen im Gesundheitswesen mit, die Ausnahmesituation zu meistern.

Kommentare (2)
  • Marga Rudloff, Chile
    Marga Rudloff, Chile am 26.07.2020
    Excelente análisis, objetivo. Gracias
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  • Erich Baumann
    Erich Baumann am 07.08.2020
    Well written - Thank you!
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