Nachsitzen in Hip-Hop

Der Mundart-Rap ist längst seinen Kinderschuhen entwachsen. Dennoch fühlt es sich seltsam an, wenn die Wegbereiter des Genres mittlerweile über vierzigjährige Familienväter sind. So sehr ist diese Musik in unseren Köpfen als «Jugendkultur» eingebrannt.

Zu den Rappern reiferen Alters zählen unter anderem die Männer der Chlyklass. Sie formierten sich einst als grosses Berner Mundart-Konsortium. Die einzelnen Mitglieder hatten bereits einen Namen, als sie 2005 ihr erstes gemeinsames Album «Ke Summer» veröffentlichten. Danach gingen sie getrennte Wege, und es dauerte geschlagene zehn Jahre bis zum Nachfolger «Wiso immer mir?».

Nun ist die Chlyklass wieder da, bestehend aus den Formationen Wurzel 5 und PVP sowie den Einzelfiguren Greis, Serej, Baze und Diens. «Deitinge Nord» heisst das dritte Album, das in erster Linie aufzeigt: Der Mundart-Rap der Berner Grossformation funktioniert auch im fortgeschrittenen Stadium bestens. Die Reime fliessen noch immer, die Rhythmen sind spartanisch, die Treue des Kollektivs zum Oldschool-Rap überzeugt. Hier zeigt das Alter seine Vorzüge. Der Bezug zu den Wurzeln ist in jedem Beat spürbar, und auch die Inhalte zeugen über weite Strecken von Reife. Die nicht mehr ganz jungen Männer rappen über das Älterwerden in ihrer Szene. Sie blicken zurück und ziehen Vergleiche. Sie ordnen sich ein und stellen fest: Sie machen noch immer den gleichen «Scheiss» – was durchaus positiv gemeint ist. Authentizität ist eine der wichtigsten Tugenden des Genres.

Natürlich nimmt die Chlyklass den Mund bisweilen arg voll. Aber das gehört zum Duktus des Hip-Hop. Manchmal reimen sie auch nur über die alltäglichen Dinge des Lebens. In «Nid üses Revier» etwa erzählen sie von einem Familienvater, der das eigene Freiheitsbedürfnis in seinen Hund projiziert. Er schickt ihn weg und malt sich aus, wie dieser wie ein Wolf in der Natur weiterlebt.

Alles in allem hat es die elfköpfige Chlyklass geschafft, ihre Erzählkunst der realen Erlebniswelt von Familienvätern anzupassen. «Deitinge Nord» ist witzig, direkt, intelligent und zeitlos – und verdeutlicht, dass die Mundart-Rapper der ersten Stunde durchaus älter werden können, ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Oder anders gesagt: Es gibt ihn, den guten Mundart-Rap von Vierzigjährigen für Vierzigjährige. Im besten Fall wirkt er wie frisch aus dem Ei gepellt.

Marko Lehtinen

 

Chlyklass: «Deitinge Nord». Chlyklass Records, 2020

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