Hunkeler in der Wildnis

«Hunkeler nahm einen Schluck aus der Tasse, zufrieden mit sich und der Welt.» Doch diese sommerliche Idylle im Park ist für den pensionierten Kommissär Hunkeler von kurzer Dauer. Eine alte Frau hastet nach der Polizei rufend ins Café. Ausser Atem erzählt sie dem türkischen Cafébetreiber, dass an der Parkmauer ein toter Mann liege. Hunkeler erkennt den Toten sofort. Es handelt sich um einen pensionierten Journalisten, der als Literatur- und Theaterkritiker mit Inbrunst Verrisse geschrieben hatte. Zwei Boulekugeln liegen zwischen den Beinen des Toten, die dritte ist verschwunden – vielleicht die Tatwaffe? Hunkeler will in keiner Weise in den Fall involviert werden und verreist in sein Haus im Elsass. Doch die Tat lässt ihm keine Ruhe und er beginnt nachzuforschen.

Hansjörg Schneider führt uns in seinem Krimi durch die Welt des ehemaligen Kommissärs Hunkeler. Wobei es viel mehr als ein Krimi ist, denn die simple Krimi-Struktur interessiert den Autor nicht sonderlich. Der Mensch Hunkeler und sein Sinnieren über die Welt stehen im Zentrum der Geschichte. Diese führt uns durch die Stadt Basel, in der sich die Sommerhitze staut, und vor allem ins melancholisch anmutende Elsass mit seiner scheinbar unberührten Natur. Man merkt bald, dass es sich um eine Idylle mit Rissen handelt.

Packend beschreibt Schneider die Streifzüge Hunkelers durch die elsässische Landschaft und die Wälder. Ausdrucksstark ist die Szene mit dem verwilderten und Furcht einflössenden Hund – Sinnbild der unkontrollierbaren Wildnis, die mit der Mordtat in die zivilisierte Stadt schwappt. Der Autor zeichnet seinen Protagonisten als eigenwilligen, widerspenstigen und doch bodenständigen Menschen, der seinen Spürsinn einzusetzen weiss. Die pointierten Dialoge machen die Geschichte lebendig und geben ihr trotz Mord und Totschlag eine wohltuende Leichtigkeit.

Es ist Hansjörg Schneiders zehnter «Hunkeler»-Krimi. Jeder ist eine in sich abgeschlossene Geschichte und kann problemlos unabhängig von den anderen Krimis gelesen werden.

Hansjörg Schneider, geboren 1938 in Aarau, studierte in Basel und arbeitete als Lehrer und Journalist. Seine Theaterstücke, rund 25 Dramen, wurden auf vielen Bühnen inszeniert. Einem breiten Publikum wurde der Schriftsteller mit seinen «Hunkeler»-Krimis bekannt, die immer wieder die Schweizer Bestsellerliste anführten. Sechs davon wurden mit dem bekannten Schweizer Schauspieler Mathias Gnädinger (2015 verstorben) verfilmt. Heute lebt Schneider als freier Schriftsteller in Basel.

Ruth von Gunten

 

Hansjörg Schneider: «Hunkeler in der Wildnis». Diogenes Verlag, Zürich 2019, 224 Seiten; CHF 30.00, € ca. 22.00. Auch als eBook erhältlich.

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