Ein fester Händedruck

Ein Viehmarkt in der ländlichen Schweiz: Ein Bauer bietet sauber gestriegelte Kälber und Ziegen zum Verkauf an. Ein Käufer taucht auf. Bauer und Käufer werden sich handelseinig. Nun folgt ein kräftiger Handschlag. Damit gilt der vereinbarte Preis. Der Handschlag ist auch Vertrag, Unterschrift, Siegel.

Eine Schulklasse in einem städtischen Vorort: Die Schulglocke klingelt, die Lehrerin gibt den Mädchen und Buben ihrer Klasse zur Begrüssung die Hand. Per Handschlag zollen die Schüler ihrer Lehrerin Respekt. Vereinzelt wurden Schüler, die dieses Zeichen des Respekts verweigerten, gar auf juristischem Weg zum Handschlag gezwungen (was vermutlich weder klug noch respektfördernd ist).

Eine grobe Rempelei beim «Freundschaftsspiel» zwischen dem Fussballklub Unterdörflingen und dem FC Hinterwald! Der Schiedsrichter verlangt von zwei Raufbolden, Frieden zu machen. Die Hitzköpfe reichen sich die Hand. Sie tun damit, was auf dem Kontinent seit über 2000 Jahren gilt: Den Friedensschluss per Handschlag beschrieb schon der römische Dichter Ovid.

Sich die Hand reichen: Im schweizerischen Alltag ist das ein kleines, alltägliches kulturelles Element, das zum gegenseitigen Vertrauen beiträgt, – vom Handschlag nach dem Streit bis zum zögerlichen, amourösen Händchenhalten der Frischverliebten.

Wer hier den Kopf schüttelt, hat natürlich recht: Ein Plädoyer für den Handschlag fällt völlig aus der Zeit. Niemand streckt Ihnen heute in der Schweiz noch die offene Hand entgegen. In Schulen ist der Handschlag nicht mehr Gebot, sondern schlicht untersagt. Eben noch Symbol des Respekts, gilt er jetzt als unhygienischer Übergriff. Der kleine Exkurs über die alltägliche Geste soll bloss andeuten, dass die Corona-Pandemie nebst Leben, Perspektiven und Hoffnungen auch die Geborgenheit im Vertrauten zerstört. Selbst Symbole und Gesten des Alltags werden in ihr Gegenteil umgepolt.

Welches die ganz grossen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen sind, die die Schweiz als Folge der Pandemie zu verkraften hat, umreissen wir im Schwerpunkt dieses Heftes. Aber wir schauen auch auf den 27. September 2020. Nachdem das politische Leben nun lange ruhte, wird dieser Tag für die Schweiz zu einem «Supersonntag»: Die Schweizerinnen und Schweizer können an der Urne gleich in fünf Fragen wichtige Weichen stellen. Entschieden wird etwa über das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU. Die Debatte dazu wird mit Sicherheit sehr hitzig. Die verschiedenen Lager sind in dieser Frage weit davon entfernt, sich die Hand zu reichen.

Marc Lettau, Chefredaktor

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