Ist das leben?

Vier Jugendliche wachsen in einem Vorort von Manchester komplett verwahrlost auf. Die problembeladenen Eltern sind entweder inexistent oder alkoholisiert. Die Menschen rundherum stecken voller Aggressivität oder sind total apathisch. Der Hass auf Minderheiten und auf Frauen ist gewaltig. Die Jugendlichen erleben Armut, sexuelle Gewalt, Drogenkonsum und Diskriminierung. Sie beschliessen, dieser Welt zu entfliehen, und gelangen nach London. Dort nisten sie sich in einer ausgedienten Fabrik am Stadtrand ein und planen Rache an ihren Peinigern. Sie wachsen in einer tief gespaltenen Gesellschaft heran, in der Algorithmen, künstliche Intelligenz und einige wenige alte Politiker über das Leben der Menschen bestimmen. Die vier versuchen, sich vor diesem undemokratischen Überwachungsstaat abzuschirmen und ihre eigene Revolution durchzuziehen.

Sibylle Berg hat mit dem Buch «GRM.Brainfuck» einen bedrückenden, apokalyptischen Roman geschrieben. Der Titel nimmt Bezug auf die Grime-Musik, eine schnelle und düstere Musikform aus dem heutigen Grossbritannien, und auf die Programmiersprache Brainfuck.

Die ersten zweihundert Seiten in der rüden und schonungslosen Sprache fordern den Leserinnen und Lesern einiges ab. Die Kost wird danach zwar nicht leichter, doch die Jugendlichen agieren aktiver und weniger hilflos. Die Szenen wirken oft gleichzeitig grausam und komisch. Die fliessende Struktur des Romans kommt ohne Kapitel aus. Mit Hilfe einer Erzählstimme aus dem Off schwenkt die Autorin von einer Figur zur anderen. «GRM.Brainfuck» ist keine Lektüre für Zartbesaitete. Es schmerzt zu lesen, wie viele Leute ohne jegliche Zukunftsperspektive aus dem Leben gedrängt werden.

Im November 2019 erhielt das Buch den Schweizer Buchpreis. Die Jury sagte in ihrem Entscheid: «Es ist der Autorin das Kunststück gelungen, einen Roman zu schreiben, der formal Avantgarde ist und inhaltlich die Lesenden im Innersten packt.» Im Februar 2020 wurde die Autorin für ihr Gesamtwerk mit dem Schweizer Grand Prix Literatur 2020 ausgezeichnet. Wer sich an das Werk von Sibylle Berg herantasten möchte, steigt besser mit ihrem ersten Roman «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot» ein.

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. 1984 beantragte sie die Ausreise aus der DDR und konnte in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln. Seit 1994 lebt sie in Zürich. Die 15 Romane der deutsch-schweizerischen Autorin wurden in über 30 Sprachen übersetzt (siehe auch Kurzportrait auf Seite 31).

Ruth Von Gunten

Sibylle Berg: «GRM.Brainfuck» Kiepenheuer&Witsch Verlag, 2019, 640 Seiten; CHF 35, € ca. 25 Auch als Hörbuch und e-book erhältlich

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