Die Heidischweiz im Abendrot

Kann jemand, der bereits zuhause ist, Heimweh haben? Der zwölfköpfige Männerchor gleichen Namens kann. Die Mitglieder von Heimweh leben in verschiedenen ländlichen Gegenden der Schweiz, doch sie sehnen sich nach ihrer Heimat – nach einer idyllischen Schweiz, die Vertrautheit, Unbeschwertheit und Geborgenheit vermittelt. Die Welt, die sie in ihren Liedern zeichnen, ist eine eskapistische und idealisierte, eine klischierte, auch plakative Heimat aus dem Bilderbuch.

Es sind dick aufgetragene Klischees, die perfekt funktionieren. Auf ihrem vierten Album «Ärdeschön» singen Heimweh zum Beispiel von der Alpabfahrt und stossen an auf ihren guten Käse. «Äs isch Alpabfahrt bi üs im Tal / D’Herbschtsunnä schiint numal / Glii scho git’s dr erschti Schnee.» An anderer Stelle erinnern sie sich an das Leben in einem alten Bauernhaus: «Im Summer het’s mängs Feschtli gäh / Ds halbe Dorf isch eis cho näh / U me het tanzet bis id Nacht.» So richtig pathetisch wird es schliesslich im Titelstück: «Am Himmel stad äs Abigrot / Und laad die Alpe glü / Mir luegid guet uf üses Land / Und äs luegt guät zu üs.» Und in der Ferne erklingt ein Alphorn.

Die Sehnsucht vermittelnden Inhalte sind musikalisch untermalt von einem volkstümlichen Mundartpop – wobei das Album definitiv mehr Pop ist denn Volksmusik. Das Akkordeon hält sich im Hintergrund, Zithern oder Klarinetten sind keine zu hören, dafür Synthesizer, Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug. Die Strophen singt jeweils ein Leadsänger, Chorgesang und Jodel gibt’s nur in den Refrains.

Mit diesem Konzept hat der Chor des Zürcher Produzenten Georg Schlunegger schon grosse Erfolge gefeiert. Heimweh sind mit ihren ersten Werken in den Schweizer Charts stets zuoberst oder auf Platz drei gelandet. Sie haben über 100 000 Alben verkauft, zwei Swiss Music Awards gewonnen, ausverkaufte Tourneen absolviert – und an Schwingfesten und an allerlei anderen Anlässen auf dem Land für rot-weiss gefärbte Stimmung gesorgt. So verwundert es nicht, dass die geerdeten Männer in ihren Trachten auch mit dem vierten Album bereits wieder an der Spitze der Schweizer Hitparade gelandet sind.

 

Marko Lehtinen

Heimweh: «Ärdeschön», Phonag 2019.

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