Die Schweiz aus Karton

In Bern schauen vor jedem Stundenschlag Touristen am 1405 erbauten Zeitglockenturm hoch und warten gebannt auf die Regungen und Klänge des historischen Uhrwerks. Einheimische begegnen dem ikonenhaften Wahrzeichen der Bundesstadt viel gelassener. Viele behaupten gar: «Auch den Zytglogge habe ich selber gebaut.» Das ist keine Anmassung. Trotz seiner Einzigartigkeit wurde der Turm nämlich nicht einmal gebaut, sondern zehntausendfach. Allerdings aus Karton, denn der «Zytglogge» gehört wie viele andere Baudenkmäler ins Grundsortiment der Modellbogen, die in der Schweiz seit nunmehr 100 Jahren herausgegeben, vertrieben und zumeist von Kinderhänden zusammengebaut werden. Über 70 000 Mal wurde dem «Zytglogge» der spitze Turmhelm aufgesetzt. Gut 130 000 Mal wurden die beiden runden Seitentürme des Basler Spalentors geformt. Deutlich über 500 000 Mal wurde das Schloss Chillon mit Schere und Leim in Form gebracht. Zehntausendfach nahmen zudem Swissair-Flugzeuge, Eisenbahnen, Rheinschiffe und Raddampfer Gestalt an. Über 22 Millionen Objekte sind so zwischen 1919 und 2019 gebastelt worden. Die eindrückliche Zahl sagt: Der Modellbogen ist ein Schweizer Kulturgut.

Und der häufigste Bauplatz war und ist die Schulstube. Die Paarung «Modellbogen und Schule» ist keine zufällige. Die Wegbereiter der Schweizer Modellbogenkultur folgten durchaus einem volkserzieherischen Ansatz. So schrieb Edwin Morf, eine der prägenden Figuren in Sachen Schweizer Modellbogen, im Jahr 1933: «Wenn die Abende früher hereinbrechen, taucht für alle, die sich für das Wohl der Jugend verantwortlich fühlen, die wichtige Frage auf: Wie beschäftigen wir unsere Jungmannschaft, besonders das tatendurstige Bubenvolk, unterhaltend und nutzbringend?» Morf folgerte, Lesen allein genüge nicht: «Nein, auch mit Hand und Werkzeug will und soll unsere Jugend tüchtig werden.»

Während anfänglich nur wenige Tausend Bogen pro Jahr abgesetzt wurden, lagen die Verkaufszahlen zwischen 1975 und 2015 im Schnitt bei über 400›000 Modellbogen pro Jahr. Diese Hochblüte war vor allem wegen dem pädagogischen Konsens möglich, dass Modellbogenbasteln auch einen nachhaltigen Lerneffekt hat. Der sich rasch ändernde Schulalltag führt allerdings dazu, dass viele Lehrerinnen und Lehrer heute weniger Möglichkeit mehr sehen, die aus festem Papier gebastelten 3D-Objekte in ihren Unterricht einzubauen. Das heisst auch: Die Zukunft dieses Kulturguts ist ungewiss. Die Verkaufszahlen erodieren. Zudem orten die Herausgeber eine «sinkende Bastelkompetenz» der Kinder. Bei neuen Bogenmodellen sind die einzelnen Teile deshalb bereits vorgestanzt. Von einem Aussterben des Modellbogens mögen dessen Freunde aber gleichwohl nicht reden.

MARC LETTAU

www.modellbogen.ch

Fotos Danielle Liniger

Die «Schweizer Revue» verlost Ende 2019 zwanzig Modellbogen. Teilnahme an der Verlosung per E-Mail mit dem Vermerk «Verlosung» an revue@aso.ch.

 

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