Die Schweiz in 48 Stunden

Wer dieses Jahr die Schweiz besucht hat, wird es bemerkt haben: Das Gedränge in den Zentren der touristischen Destinationen ist heuer so dicht wie noch nie. Luzern ächzt angesichts der Grenzerfahrungen mit mehrtausendköpfigen Reisegruppen. Am Limit ist auch Interlaken. Etliche Bergbahnen sind an gewissen Tagen so voll wie eine grossstädtische Metro zur Hauptverkehrszeit. Im Schwerpunkt dieser «Revue» wird klar: Die Beobachtung stimmt. Die Schweiz lernt gerade den Begriff «Overtourism» kennen. Schöne Städte erfahren also, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Rolle unbedeutend wird, weil der heimatliche Ort zur reinen Kulisse für eine hektische, touristische Parallelwelt wird.

Einer der Treiber dieser Entwicklung ist die Eile. Können sich die stark wachsenden Gästegruppen aus Fernost «Europa in fünf Tagen» leisten, dann bleiben für Zürich–Luzern–Bern–Interlaken–Jungfraujoch–Genf und für die Annäherung an den hiesigen Alltag allerhöchstens 48 Stunden. Das verschärft den Druck auf die Hotspots. Immer mehr Gäste steuern die immer gleichen Orte an und tun dort das Immergleiche, belegt durch immer gleiche Schnappschüsse: Nur wer am bekannten Rheinfall, vor der eindrücklichen Kappellbrücke und auf dem berühmten Jungfraujoch war, kann damit zuhause punkten. «Signalling» nennen Experten dieses Verhalten.

Ein moralisches Urteil beinhaltet diese Beobachtung nicht. Schliesslich klappern auch Schweizerinnen und Schweizer die Welt nach ähnlichem Muster ab. Von Eiffelturm bis Taj Mahal, von Freiheitsstatue bis Uluru: Das Bekannte liefert Bestätigung und Orientierung. Reisen abseits gängiger Wegmarken ist fordernder. Die Erfahrung des Unbekannten lässt sich weniger gut teilen. Reisen, ohne «Trophäen» zu sammeln, muss man wohl erst lernen.

Übrigens: Abseits der Hotspots ist selbst das kleine Reiseland Schweiz ein oft sehr beschaulicher Flecken Erde. Ich habe die These kurz überprüft: den Rucksack gepackt, ein paar Tage durch die Voralpen gewandert, vor Bauernhöfen gezeltet, die müden Füsse im Fluss gebadet. Von «Overtourism» weit und breit keine Spur.

Die verbleibenden sechs Zeilen widmen wir den nahenden Wahlen. Die Fünfte Schweiz wird diesmal von den politischen Parteien innig umworben. Gleichzeitig sind die politischen Rechte der Auslandschweizerinnen und -schweizer unter Druck. Spannungsreicher könnte die Ausgangslage nicht sein. Wir haben den Parteien auf den Zahn gefühlt: Ihre Antworten auf unsere Fragen liefern spannende Einblicke.

MARC LETTAU, CHEFREDAKTOR

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