Helvetias republikanische Royals: das Lexikon

Seit 171 Jahren ist die Schweizer Regierung ohne auch nur einen einzigen Tag Unterbruch im Amt. Sie ist nie vollständig ausgewechselt, sondern immer nur durch einzelne Mitglieder ergänzt worden. Das ist «eine Kontinuität, wie sie sonst nur in Monarchien vorkommt». In der Bevölkerung sind die Bundesrätinnen und Bundesräte denn auch «so etwas wie republikanische Royals». Das schreibt Urs Altermatt als Herausgeber des 1991 erstmals publizierten und jetzt in einer überarbeiteten und aktualisierten Fassung vorliegenden Bundesratslexikons. Das Buch gilt als Standardwerk der Bundesratsgeschichte und Referenzwerk für Verwaltung, Politik, Medien und Wissenschaft.

Altermatt ist emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg und gilt als bester Kenner des Themas. Er hat 93 hochkarätige Autorinnen und Autoren um sich versammelt, die für jedes der bisher 119 Mitglieder des Bundesrates seit der Bundesstaatsgründung 1848 nach einem lexikalisch vorgegebenen Raster ein eindrückliches, lebendiges Bild von ihren Wahlen, ihren Rücktritten, ihrer Herkunft und ihrem Wirken zeichnen. Das sorgfältig illustrierte und mit verschiedenen Tabellen angereicherte Werk ist nicht allein ein wissenschaftliches Lexikon, es ist auch ein faszinierendes historisches Lesebuch, dargestellt anhand jener Institution, die nach Einschätzung von Altermatt «ohne Zweifel die originellste Schöpfung des politischen Systems der Schweiz» darstellt.

Das Bundesratslexikon vermittelt über das rein Biografische hinaus einen Überblick über 170 Jahre Schweizer Geschichte und gewährt überraschende Einblicke – in einzelnen Fällen auch in persönliche Tragödien. Da ist zum Beispiel der Berner Bundesrat Carl Schenk, der täglich zu Fuss ins Bundeshaus marschierte. Als er am 8. Juli 1895 frühmorgens am Bärengraben vorbeikam und, wie er es oft tat, einem armen Mann ein Almosen zusteckte, wurde er von einem Pferdefuhrwerk überfahren und starb kurz darauf, nach 31-jähriger Amtszeit. Ebenfalls im Amt verstarb der Thurgauer Bundesrat Fridolin Anderwert. Unmittelbar nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten setzte eine gehässige Pressekampagne mit Vorhaltungen zu seinem Privatleben ein, zudem hatte er gesundheitliche Probleme. Jedenfalls erschoss er sich am 25. Dezember 1880, am Weihnachtstag, auf der Kleinen Schanze in der Nähe des Bundeshauses.

Jürg Müller

 

Urs Altermatt (Hrsg.): «Das Bundesratslexikon», NZZ Libro, Zürich 2019, 759 Seiten, CHF 98.–.

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