Der Berg ist weit weg

Sportklettern wird olympisch. Das weckt in der Schweiz, dem Land der Berge, sportliche Hoffnungen. Gleichzeitig wird Klettern immer mehr zum urbanen Indoorsport – mit auffälligen Folgen in der Bergwelt.

«Allez! Allez!» – Vorwärts! Vorwärts! Petra Klingler hat den Zuruf ihres Trainers an diesem Morgen schon ein paar Mal gehört. Etwa da, wo sie eine Schlüsselstelle an der Boulderwand bewältigen muss. Petra Klingler hält sich mit einem Arm an einem Griff fest, stösst die Beine ab. Sie zieht sich hoch, hält ein paar Sekunden inne. Dann lässt sich die Spitzenkletterin fallen und atmet heftig. Ihr Puls ist diesmal doch ziemlich hochgegangen. «Das ist nicht immer so», sagt sie und lacht.

Der Trainingsmorgen im nationalen Leistungszentrum der Sportkletterer und Sportkletterinnen in Biel (BE) steht an diesem Vormittag ganz im Zeichen der Wettkampfvorbereitung: Bald steht der erste diesjährige Weltcup im Bouldern an. Für Petra Klingler ist er allerdings nur eine Etappe auf dem Weg zu einem weit grösseren Ziel: Sie will sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifizieren. In Tokio werden die Sportkletterer erstmals um olympisches Edelmetall kämpfen (siehe Zusatztext). Fünf Athletinnen und Athleten gehören zum Olympiapool des Schweizerischen Alpenclubs, SAC. Die 27-jährige Petra Klingler ist eine von ihnen. Sie ist Schweizermeisterin im Speed- und Leadklettern und Weltmeisterin im Bouldern. Klingler ist damit in den drei Disziplinen erfolgreich, die auch in Tokio geklettert werden.

Trainieren an Kunststoffwänden

Sein nationales Leistungszentrum hat der SAC in einer alten Bieler Industriehalle eingerichtet. In der Ecke steht ein abgewetztes Sofa mit Beistelltisch, eine Kaffeemaschine ergänzt die extrem spartanische Einrichtung und an den Wänden hängen Trainingspläne. Das Leistungszentrum verströmt den Charme einer Studentenbude – weit weg von Fels, Wind und Wetter. Trainiert wird an Kletterwänden aus Kunststoff. Klettern draussen, am Fels, hat im Trainingsalltag keine Priorität: «In den nächsten zwei Jahren, bis Olympia, muss das Felsklettern in den Hintergrund rücken», sagt Petra Klingler.

Die Schweiz, das Land der Berge, wird sich an den Olympischen Spielen also nicht am Fels, sondern an einer Kunststoffwand bewähren müssen. Doch das entspricht dem Wandel, den die Sportart auch in der Schweiz erfahren hat. Bis in die 1990er-Jahre wurde ausschliesslich im Freien, am Fels, geklettert. 1993 wurde in Niederwangen (BE) die erste Kletterhalle der Schweiz eröffnet. Betrieben wird sie heute von Hanspeter Sigrist und seiner Frau Gabriele Madlener Sigrist. Sigrist ist auch Leistungssportchef des SAC im Bereich Klettern. «Als wir die Kletterhalle projektierten, erklärten uns alle für verrückt», sagt er. Die vorwiegend männlichen Alpinisten hätten sich noch nicht vorstellen können, in einer Halle zu klettern. Mittlerweile gibt es schweizweit über 50 Kletterhallen und in den Turnhallen zahlloser Schulen gibts zumindest eine Kletterwand. Die grösste Halle steht in Uster (ZH) und verzeichnet seit ihrer Eröffnung im Jahr 2014 stetig steigende Besucherzahlen. «Wer heute mit dem Klettern anfangen will, beginnt damit in der Regel in der Halle», sagt Martin Baumeler von der Genossenschaft Griffig, die die Halle in Uster betreibt. Zwei Drittel der Hallenkletterinnen und -kletterer übe den Sport später auch draussen aus, ein Drittel allerdings ausschliesslich in der Halle, sagt Baumeler.

Weiblich, cool, trendig

Für den Hallenboom mitverantwortlich sind die Frauen, sagt Hanspeter Sigrist. «Im Klettersport wurden die Frauen lange nicht besonders ernst genommen. Die Rollen waren klar definiert: In einer Seilschaft steigt der Mann vor.» Das Hallenklettern habe den Frauen einen neuen, selbständigen Zugang zum Klettersport ermöglicht. Heute beträgt ihr Anteil beim Hallenklettern laut Sigrist rund 50 Prozent. Frauen wie Männer – und kletternde Kinder und Jugendliche ebenso – stammten zudem längst nicht mehr nur aus der Alpinistenszene: Sportklettern in der Halle sei zum Breitensport geworden und gelte heute als «cool und trendig», sagt Sigrist. Hallenklettern ist quasi die moderne und urbane Version ihrer Ursprungssportart.

Weg vom Berg, rein in die Stadt: Diese Tendenz scheint der Sportart Aufschwung verliehen zu haben. Der Trend zum Klettern in der Halle dürfte aber mindestens einen weiteren Grund haben: Hallenklettern gilt als sicher. Wer etwa beim Bouldern – dem Klettern ohne Sicherung – fällt, den fangen dicke Matten auf. Das Wilde, Unberechenbare, Abenteuerliche, das Klettern in den Alpen bereithält, fehlt in der Halle gänzlich. Passiert etwas, haftet in vielen Fällen der Hallenbetreiber dafür. Das Interesse der Hallenbetreiber ist deshalb gross, die Risiken möglichst klein zu halten.

Übernutzte Felswände

Doch der boomende Gipfelsturm an den Hallenwänden hat Folgen: «Wer dann doch draussen klettern will, geht von den hohen Sicherheitsstandards in der Kletterhalle aus. Die ‹Vollkaskomentalität› wird dann auf den Fels übertragen», sagt Tim Marklowski, Projektleiter Bergsport bei der Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness. Sichtbar sei dies in verschiedenen Klettergebieten der Schweiz, in denen viele Routen mit Bohrhaken als Sicherungsmittel versehen seien – auch in hochalpinen Regionen. Gut zugängliche, nicht eingerichtete Routen seien selten geworden, so Marklowski. Die Absicherung mit Bohrhaken ermöglicht ein sicheres Klettern für jedermann. Entsprechend häufig würden solche Routen begangen. Dies führe teilweise zu stark abgenutztem Fels. Durch diese «Übererschliessung der Alpen» gehe etwas verloren, findet Marklowski: «Die Freude an ursprünglicher Natur und an der Eigenverantwortung.» Mountain Wilderness setzt sich deshalb dafür ein, dass es weiterhin bohrhakenfreie Routen gibt, «die Eigenverantwortung erfordern» und eine ursprünglichere Spielart des Kletterns ermöglichen. Marklowski: «In England, den USA und Italien gibt es Klettergebiete, in denen Bohrhaken noch ein Tabu sind.»

Mehr Anerkennung für die Spitze

Der anhaltende Sportkletterboom verändert die Wahrnehmung der Athletinnen und Athleten. So ist Spitzenkletterin Petra Klingler heute nicht mehr die unbekannte Sportlerin von einst. Ihren WM-Titel im Bouldern hat sie 2016 in Paris vor 10 000 Zuschauerinnen und Zuschauern geholt. Dieser WM-Titel und die Aufnahme des Sportkletterns ins olympische Programm hat der 27-Jährigen geholfen, neue Sponsorenverträge abzuschliessen. «Ich kann mir heute mit dem Klettern ein bescheidenes Leben finanzieren. Eine Familie ernähren könnte ich aber nicht», sagt Klingler, die letztes Jahr ihr Studium in Psychologie und Sportwissenschaften abgeschlossen hat. Noch sei das «ökonomische Potenzial» des Sportkletterns aber nicht ausgeschöpft, vermutet Klingler.

Gut möglich, dass sich dies dank Tokio 2020 ändern wird. Swiss Olympic zumindest findet, Sportklettern repräsentiere die Schweiz in ihrer Vielfältigkeit besonders gut: «Sportklettern verbindet den alpinen und den urbanen Lebensstil», sagt Swiss-Olympic-Mediensprecher Alexander Wäfler. Swiss Olympic erhoffe sich deshalb, «dass diese Verbindung auch an den Olympischen Spielen zur Geltung kommt und sich entsprechend viele Menschen für die Wettkämpfe in Tokio interessieren».

Klettern, olympisch

Insgesamt zwanzig Athletinnen und zwanzig Athleten dürfen beim erstmals ausgerichteten Sportkletterwettbewerb an den Olympischen Spielen Tokio 2020 teilnehmen. Dafür müssen sie sich vorgängig an internationalen Wettkämpfen qualifizieren. Geklettert wird in Tokio in drei Disziplinen:

• «Lead», dem möglichst hohen Klettern am selbst einzuhängenden Seil

• «Speed», dem gesicherten Klettern auf Zeit

• «Bouldern», dem Klettern ohne Seil in Absprunghöhe

Nur wer in allen drei Disziplinen reüssiert, hat Chancen auf eine Medaille.

Kommentare (2)
  • Caspar Pfenninger, Calgary, Alberta, Kanada
    Caspar Pfenninger, Calgary, Alberta, Kanada am 24.05.2019
    Lasst uns bitte mit diesen korrupten olympischen Spielen in Frieden. Wenn es irgendwo in unserer Gesellschaft einen moralischen Zerfall gibt, dann ist er mit Bestimmheit in den olympischen Auschüssen zu finden.
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    • ANDRE FRIEDLI, Mamaroneck USA
      ANDRE FRIEDLI, Mamaroneck USA am 24.05.2019
      Tell that to the athletes...
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