Japanische Teemädchen und norwegische Bauern

Der zeitweilige «Bund»-Redaktor Karl Friedrich Kurz war als Erzähler ein faszinierender Vermittler fremder Welten und Kulturen.

Ebenso verführerisch wie fremd kommt Kohana, die «kleine Frau Schmetterling», dem jungen Mann vor, als er um 1906/07 in Yokohama einige Zeit mit ihr zusammenlebt. Und ähnlich wie 60 Jahre später Yoko in Adolf Muschgs «Sommer des Hasen» dem Schweizer Buser bringt das Teemädchen dem Europäer die japanische Mentalität, die Sitten und Gebräuche in seiner scheuen Zuwendung näher, als es touristische Erlebnisse tun könnten. Kohana ist eine Figur aus dem Buch «Vom Nil zum Fujiyama», das 1910 bei Huber in Frauenfeld erschien. Verfasser ist der 1878 geborene, in Basel aufgewachsene Karl Friedrich Kurz. Der Sohn eines deutschen Wichsefabrikanten etablierte sich wie sein Bruder Hermann (1880–1933) nach dem Besuch der Karlsruher Kunstakademie als Schriftsteller und fand seine Stoffe bei Reisen und Aufenthalten in aller Welt. Japan war auch der Schauplatz von «Doktor Siegels Ostasienfahrt» (1911) und von «Sayonara» (1937). Von 1916 bis 1922 war Kurz Redaktor beim Berner «Bund», und damit hing es zusammen, dass von seinen insgesamt 29 Büchern immerhin drei in der Schweiz spielen: «Die Krummbacher und der Katzengusti» (1913), «Zwischen Aare und Rhone» (1920) und «Der Mooshof» (1922). Schon 1914 hatten zwei Bücher – «Der Held von Björnnäs» und «Mitternachtssonne und Nordlicht» – Norwegen zum Schauplatz, und zusammen mit seinen Zeitgenossen Hermann Hiltbrunner und Hugo Marti wurde Kurz, der von 1924 bis zu seinem Tod im Jahre 1962 dauerhaft in dem Land lebte, zu einem jener Schweizer, die sich durch Norwegen, seine Fjorde und seine Wälder immer wieder neu inspirieren liessen.

Liebe, Geld und Verrat

So stellte der Roman «Die goldene Woge» 1927 dar, was die Kriegsgewinne in dem neutralen Land nach 1914 an Unerfreulichem mit sich brachten, und liess Kurz in «Das Königreich Mjelvik» 1930 die Städterin Oline das Fischerdorf Mjelvik und dessen junge Männer auf unterhaltsame Weise verwirren. «Tyra, die Märcheninsel» ist ein lebendiger Bauern- und Fischerroman mit vielen originellen Figuren, der 1934 mit den Wilhelm-Raabe-Preis erhielt, und «Herrn Erlings Magd» von 1936 schildert die heimliche Liaison eines Bauern mit seiner Magd, die ihm am Ende einen Stammhalter schenkt.

Vorbild des Nordlandschweizers, der seine Bücher auch immer wieder selbst illustriert hat, ist unverkennbar Knut Hamsun. Bloss dass ihm bei aller Anschaulichkeit der Landschaftsbilder, bei aller psychologischen Feinheit der Figuren und allem Humor jenes Abgründige, Pessimistische fehlt, wie der Norweger es etwa in «Hunger» evoziert hat. Obwohl der Einbruch der Zivilisation oder das Auftreten von Spekulation und Gewinnsucht den Frieden der einsamen Dörfer und Höfe zu gefährden vermögen: Letztlich stellt sich die Ordnung wieder ein und überwiegt der Optimismus des Dichters, für den, wie es in der «Goldenen Woge» heisst, «etwas im Menschen ist, was die Flut nicht zerstören kann, was auch der Sumpf mit seinem Fieber nicht zerstören kann: das Grosse und Ewige, was ihn über alle Dinge als Herrn setzt.» Keine Figur dokumentiert das besser als das stille Knechtlein Monrad in «Tyra, die Märcheninsel», in dem es plötzlich zu singen und zu klingen anfängt und das sich eines Tages selbst eine Geige baut und die Einsamkeit seines Herzens mit Tönen zu füllen beginnt. Die Bücher von Karl Friedrich Kurz sind heute nur noch antiquarisch oder als E-Books aufzutreiben. Dies, obwohl er seinen Landsleuten nicht nur Japan, sondern auch seine Wahlheimat Norwegen auf spannende, nach wie vor lesenswerte Weise nahebrachte.

 

Charles Linsmayer ist Literaturwissenschaftler und Journalist in Zürich

 

«Durch die Bücher hab’ ich vielleicht etwas früher einsehen gelernt, dass es noch andere Dinge gibt, als nur Arbeit und Geld», sagte Johannes. «Wir führen ein Leben wie Karrenpferde, die tagaus, tagein vorwärts gepeitscht werden. Ziehen – immer ziehen; mit allen Kräften immer ziehen, stumpf, gleichmässig, ruhelos … Ich scheue nicht die Arbeit. Aber zu viel Arbeit macht den Menschen zum Lasttier!»

Bibliografie:

K. F. Kurz: «Die Fischer am Fjord». Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich, 1941. Als E-Book erhältlich.

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