«Es rentiert, und das ist ein Privileg»

Mit «079» hat das Duo Lo & Leduc den erfolgreichsten Popsong der bisherigen Schweizer Musikgeschichte geschaffen: Über 3,5 Millionen Streams und über Wochen hinweg auf Platz 1 der Schweizer Hitparade. Trotzdem braucht Lo alias Lorenz Häberli seinen Bürojob.

Klar ist er einer. Aber Star – das Wort mag er nicht. Lo also, Lo von Lo & Leduc, also Lorenz Häberli – lieber sagt er «Musiker». Selbst wenn es um die Probleme geht, die so ein Starmusiker bekommen kann, wenn eines seiner Lieder ein Land erobert, die Pausenplätze, die Schwimmbäder, die Vereinsabende. «Auf der Strasse haben Leute, die ich nicht kenne, das Gefühl, sie kennen mich. Sie erwarten Nähe, doch diese Nähe hat nichts mit mir zu tun.» Häberli meint das entschuldigend. Es geht ums «Ungleichgewicht» in der Beziehung zwischen «Musiker» und Fans. Und ums schlechte Gefühl, das er deshalb hat. «Man hat pro Tag ein bestimmtes Mass an sozialer Energie, das ist irgendwann erschöpft. Dann wird man einsilbig.»

Im Büro hat er es einfacher. Dort ist er nicht der Lo, sondern «der Lorenz, der hier arbeitet», und das soll so bleiben. Häberli macht «Unternehmenskommunikation», das heisst PR; er redigiert Communiqués, betreut Websites, schreibt Blogbeiträge, «alles branchenspezifisch». Die Branche sind die Medien, aber seinen Arbeitgeber mag Häberli nicht verraten. Grund: Der Lo soll den Lorenz weiter unbehelligt lassen.

Vor etwas mehr als zehn Jahren fing das alles an; Lorenz Häberli und sein heutiger Kompagnon Luc Oggier spielten in einer Maturandenband. Dann kam der Mundart-Rap. Und die entscheidende Idee, dem Rap noch etwas beizubringen: eine Musikalität nach karibischer, afrikanischer und südamerikanischer Art. Damit stiessen Lorenz Häberli und sein Kompagnon Luc Oggier immer weiter ins Radio- Pop-Universum vor. Und zündeten dort dann diesen Frühling ihre Ohrwurmbombe: «079» brach alle Bestmarken der Schweizer Hitparade.

Der Pop ist ein launisches Geschäft. Doch derzeit können Häberli & Oggier von Lo & Leduc leben. «Sehr gut sogar», sagt Häberli. Im Büro verdient er mit seinem 70-Prozent-Pensum rund viertausend Franken monatlich. «Das reicht für alles, was ich alleine brauche.» Dreieinhalb fixe Tage also im Büro, der Rest gehört der Musik, und was sie abwirft, kommt obendrauf. Reich werde er so nicht. «Aber es rentiert. Und das ist ein Privileg.»

Fragt sich nur, wozu Lorenz Häberli seinen Bürojob eigentlich noch braucht. Er ist jetzt 32. Aber er will nicht mit 50 noch auf Festivalbühnen stehen müssen, obwohl er dann vielleicht einen bösen Rücken hat. Oder keine Ideen mehr für neue Songs. «Luc und ich haben vor Jahren schon entschieden, dass wir neben der Musik immer auch etwas anderes machen wollen.» Dazu kommt die Ordnung, die das Büro in ein Musikerleben bringt. «Wenn schon ein guter Teil der Woche strukturiert ist, dann kann ich auch die übrige Zeit leichter strukturieren.» Das ergibt jene Routine und jene Konzentration, die Häberli braucht, um seine Songs zu schreiben. Und schliesslich: Es geht um den gleichen Stoff, ob er nun Pop macht oder PR – um Sprache. Also darum, «warum ich was wie sage». Musik, sagt Häberli, interessiere ihn vor allem als Möglichkeit, mit der Sprache zu arbeiten.

Es soll ja Leute geben, denen sich «079» noch immer nicht in den Gehörgang graben konnte. Aber man muss den Song nicht mögen, um zu merken, wie raffiniert hier eine Geschichte erzählt wird. Verknallt sich also einer in eine Stimme am Auskunftstelefon und gerät am Ende telefonierend unters Tram – keine dreieinhalb Minuten, aber ein ganzes Drama. Und dabei, so die «NZZ»: «Jede Zeile ein Aphorismus.»

Das Album «Update 4.0» mit dem Song «079» kann gratis heruntergeladen werden: http://lo-leduc.ch/ - Direkt zum Video: 079 auf youtube

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