Die Freiheitsfahne wehte im geteilten Berlin

Während seinen ersten zehn Berliner Jahren ist Thomas Hürlimann zum Schriftsteller geworden.

1974, im Jahr, als sein Vater, Hans Hürlimann, Bundesrat wurde, kam sein 24-jähriger Sohn Thomas nach Berlin und entdeckte nach Jahren als Klosterschüler in Einsiedeln und Student in Zürich eine ganz neue, radikal andere Welt: «Unübersehbar flatterte da eine Freiheitsfahne. Noch war das ‹rote Jahrzehnt› nicht in die bleierne Zeit gekippt.» Zehn Jahre blieb er in der geteilten Stadt, hängte das Studium an den Nagel und wusste bald einmal, dass er nur schreibend, «nur in den Wörtern» atmen konnte. Die Kunst wurde aber erst existentiell, als ihm 1980 der Krebstod seines jüngeren Bruders das Thema aufzwang: das Sterben und die Vergänglichkeit. So entstand das Stück «Grossvater und Halbbruder», das er dem Zürcher Suhrkamp-Vertreter Egon Ammann einschickte. Der besuchte ihn in Berlin und erklärte: «Vergessen Sie das Theater, schreiben Sie Prosa, dann werden wir Sie herausbringen.»

Kurz darauf aber nahm das Berliner Theatertreffen das Stück zur Präsentation an. Und als es 1981 in Zürich uraufgeführt wurde, lag auch Hürlimanns Prosadebüt «Die Tessinerin» in den Buchläden. Ammann war nämlich nach seiner Absage erneut nach Berlin gekommen, und im «Litfin», einer Kneipe an der Berliner Mauer, hatten die beiden die Gründung des Ammann-Verlags beschlossen, in dem nicht nur «Die Tessinerin», sondern auch «Das Gartenhaus», «Fräulein Stark», «Der grosse Kater», «Vierzig Rosen» und die Erzählungen erscheinen sollten. 1984 kehrte Hürlimann in die Schweiz zurück, und es sollte 34 Jahre dauern, bis er jene Rückkehr, virtuos verfremdet und zu einer grandiosen Odyssee gesteigert, zum Roman «Heimkehr» zu verarbeiten vermochte.

Rückkehr im dritten Anlauf

Der Fabrikantensohn Heinrich Übel, der 18 fruchtlose Jahre als ewiger Student vertan hat, wird von seinem Vater, dem Gummi-Fabrikanten gleichen Namens, nach Hause gerufen, erleidet aber unterhalb der väterlichen Fabrik einen Verkehrsunfall. Mit einer entstellenden Kopfverletzung kommt er in einem sizilianischen Hotel wieder zu sich und versucht nun verzweifelt herauszufinden, was bei jenem Unfall und in der Zeit danach mit ihm geschehen ist. Glatzköpfig, wie er nun ist, erkennt ihn niemand wieder und kann er sich quasi in eigener Sache als Kriminalist betätigen. Allmählich erst gibt die verschüttete Erinnerungskapsel Einzelheiten preis, und seine Recherche führt ihn nach Afrika, nach Zürich und nach Berlin. Bei Begegnungen mit seinen früheren Geliebten und einer DDR-Funktionärin, in die er sich unsterblich verliebt, besonders aber bei Kontakten mit den Personen, die mit dem Unfall in Beziehung standen, enthüllt sich ihm langsam, was in jener Nacht geschehen ist. Eine zweite Heimkehr missglückt wie die erste, und erst beim dritten Mal kommt es zum Gespräch mit dem Vater, der inzwischen dement wurde, ihm aber noch die zentrale Erkenntnis vermitteln kann: «Es ist alles Traum und trotzdem wahr. Das Wesen des Menschen ist die Verblendung.»

Heimkehrend, hat Heinrich auch die Liebe seines Lebens wiedergefunden, an der Unfallstelle von damals aber wartet das reparierte Unglücksfahrzeug. Am Steuer sitzt ein Kater, und, «einen Joint im Mundwinkel», rast dieser mit dem Heimgekehrten davon: «Auf die andere Seite, Herr Doktor, vom Tod ins Leben!» Das Buch, dessen Fülle nur angedeutet werden kann, zeigt einen neuen Hürlimann: einen, für den nicht mehr das Sterben, sondern die Überwindung des Sterbens zum Thema wird, ein Erzähler aber, für dessen Schreiben auf jeden Fall weiterhin gilt, was ihm Martin Walser bereits 1995 attestiert hat: «Schwere mit Schwung».

charles linsmayer ist literaturwissenschaftler
und journalist in zürich

 

«In einer nebligen Nacht stopfte ich sämtliche Ordner, Kladden, Karteikarten, auf denen ich Stichworte notiert hatte, in die Abfalltonnen, machte mir am nächsten Morgen mit dem Tauchsieder eine Tasse Nescafé und schrieb die erste Silbe, um meine ganze bisherige Existenz auf einer Seite zusammenzu­fassen. Ich stutzte, hörte aus dem Hofschacht Gerümpel, den Einmarsch der Müllmänner, und schon war ich unten, stand mit ausgebreiteten Armen vor den Tonnen und: Finger weg!, schrie ich, das ist kein Abfall, das ist mein Leben!»

(Aus «Heimkehr», S.Fischer, Frankfurt 2018).

 

Bibliografie: «Heimkehr» erschien bei S.Fischer, Frankfurt am Main, wo auch Hürlimanns andere Bücher inzwischen greifbar sind.

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