Der fundamentale Wandel in den Schweizer Schulstuben

Das Gesicht der schweizerischen Primarschule verändert sich rasant. Neue Unterrichtsformen prägen den Alltag. Das Grundverständnis der Schule wandelt sich, denn statt Wissen werden vermehrt «Kompetenzen» vermittelt. Und immer öfters sind es Frauen, die unterrichten.

Die Lehrerinnen Marie-Theres Moser und Danielle Baumann unterrichten ihre Primarschulklasse im Teamteaching. Bilder Adrian Moser.

Die Lehrerinnen Marie-Theres Moser und Danielle Baumann unterrichten ihre Primarschulklasse im Teamteaching. Bilder Adrian Moser.

Primarschulklassen werden bunter, also altersdurchmischter: In sogenannten Basisstufenklassen werden Vier- bis Achtjährige gemeinsam unterrichtet.

Die Fenster im Schulzimmer stehen an diesem sonnigen Morgen weit offen. Noch ist die Morgenluft kühl und die Stimmung entspannt. Hier, im Zimmer 204 der Primarschule Spitalacker in Bern, treffen die Lehrerinnen Danielle Baumann und Marie-Theres Moser die letzten Vorbereitungen für den Unterricht, bevor ihre sechs- bis achtjährigen Schülerinnen und Schüler eintreffen. Insgesamt 700 Kinder besuchen die Primarschule Spitalacker. 24 davon – Erst- und Zweitklässler – bilden die Klasse von Danielle Baumann und Marie-Theres Moser. Es ist durchaus heimelig, das kleine, schmucke Schulzimmer. Und doch sind auch hier die ganz grossen Veränderungen im Schweizer Schulwesen ablesbar.

Die beiden Lehrerinnen unterrichten diesen Morgen zu zweit. «Wir schätzen das Teamteaching. So haben wir mehr Zeit für die einzelnen Kinder», sagt Marie-Theres Moser. Ansonsten arbeiten die beiden Lehrerinnen abwechslungsweise. Beide habe ein Teilzeitpensum. Das Bild, das sie damit abgeben, ist ein typisches. Denn: 75 Prozent aller Lehrkräfte, die in der Schweiz an Primarschulen unterrichten, sind Frauen. Und rund 70 Prozent sämtlicher Primarlehrkräfte arbeiten teilzeitlich.

Die Männer, die noch an Primarschulen unterrichten, tun dies mehrheitlich in 7. bis 9. Klassen – oder sie sind als Schulleiter tätig. Das ist ein starker Kontrast zur Vergangenheit, denn lange war der Lehrerberuf in der Schweiz ein reiner Männerberuf. 1964 sank der Männeranteil an den Primarschulen erstmals unter 50 Prozent. Seither steigt der Frauenanteil stetig an. Der Lehrerberuf wird immer weiblicher.

Ohne Frauen droht der Stillstand

Beat Zemp, Präsident des schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, ist angesichts dieses Trends in Sorge. Er fände «gemischtgeschlechtliche Teams» besser: «Die Schule besteht ja nicht nur aus Fächern, sondern sie soll die Schülerinnen und Schüler geistig, körperlich und seelisch bilden. Ich bin überzeugt, dass gemischtgeschlechtliche Teams diese ganzheitliche Bildung stärker unterstützen können.» Gleichzeitig ist Zemp über die vielen unterrichtenden Frauen sehr froh: «Ohne Frauen stünde das Schweizer Bildungswesen still.» Der Mangel an Lehrkräften sei nämlich akut und er werde sich verschärfen, weil viele vor der Pensionierung stehen und die Schülerzahlen gleichzeitig steigen.

Dass der Lehrkräftemangel noch dramatischer wird, fürchtet auch Martin Schäfer, Rektor der Pädagogischen Hochschule Bern: «Wir werden uns in der Schweiz vermutlich einmal die Frage stellen müssen, wie wir überhaupt noch genügend gut ausgebildete Lehrpersonen finden können.» Dass vor allem Frauen an der Primarschule unterrichten, stört Schäfer nicht: In Bezug auf die fachlichen Kompetenzen stünden sie den Männern in nichts nach.

Verein will die Männerquote heben

Der Beruf ziehe heute Frauen vor allem wegen der guten Vereinbarkeit von Job und Familie an, sagt Ron Halbright, Präsident des Projekts «Männer an die Primarschule». Halbright: «In der Schweiz teilen Männer und Frauen die Berufs- und Familienarbeit häufig ‹traditionell› unter sich auf. Väter sind eher Haupternährer, Mütter arbeiten Teilzeit.» Die Verweiblichung des Lehrerberufs beschädige aber dessen Reputation, argumentiert Halbright: Die Löhne seien gesunken, was Männer davon abhalte, den Beruf zu ergreifen. Das heutige Bild lasse viele Männer denken, Arbeit mit Kindern sei grundsätzlich Frauensache: «Sie merken erst spät, dass sie dafür auch geeignet wären.» Den Schwierigkeiten zum Trotz hat sich Halbrights Verein zum Ziel gesetzt, auf eine Männerquote an Primarschulen von mindestens 30 Prozent hinzuwirken – und zwar schweizweit.

Lektionen in einer «Lernlandschaft»

Weit weg von dieser Diskussion erleben die beiden Schulkinder Emanuel und Yael den Alltag im Berner Spitalackerschulhaus. Sie gehen gerne zur Schule und mögen ihre beiden Lehrerinnen. Dass sie gerne zur Schule gehen, hängt nicht nur von ihren beiden Lehrerinnen als Personen ab, sondern auch von deren Unterricht. Yael liegt auf dem Sofa im Schulzimmer und liest. Emanuel arbeitet währenddessen am Rechendreieck. Beide finden es toll, dass sie aus bestimmten Angeboten selber wählen können und nicht zwingend zeitgleich das Gleiche tun müssen. Die Wandtafel ist nicht mehr Zentrum des Unterrichtsgeschehens. Vielmehr ist ihr Schulzimmer in eine «Lernlandschaft» mit unterschiedlichen Arbeitsplätzen umgestaltet worden.

Churer Modell: So nennt sich das Unterrichtsmodell, das Danielle Baumann und Marie-Theres Moser in ihrem Unterricht umsetzen. Es ist ein Unterrichtsmodell, das gegenwärtig die Schweiz erobert. In Chur, wo es entwickelt worden ist, wird bereits in über 40 Klassen damit gearbeitet. Reto Thöny, ehemaliger Schulleiter und Vater des Modells, reist seit rund fünf Jahren mit seinem Weiterbildungsangebot quer durch die Deutschschweiz. Auch an Schulen in der Romandie wird mittlerweile nach seinen Ansätzen gearbeitet. «Nur im Tessin hat es noch nicht Fuss gefasst», sagt Thöny.

Die Lektionen beim Churer Modell beginnen – ähnlich wie im Kindergarten – oft mit einem kurzen Input im Kreis. Hier wird die Klasse in neue Themen eingeführt, hier werden Lernaufgaben präsentiert. Doch der Input wird bewusst kurz gehalten: Er soll die den Schülerinnen und Schülern fürs Lernen zur Verfügung stehende Zeit nicht schmälern, Zeit, die sie sehr selbstständig nutzen dürfen.

Wenig erstaunt über die Verbreitung des Churer Modells ist Peter Lienhard, Professor an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Das Modell sei die Grundlage für viele wesentliche Entwicklungen in der heutigen Schule. Wesentlich sei etwa, «Schülerinnen und Schüler individuell, ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten entsprechend zu fördern». Gleichzeitig müsse die heutige Schule auch Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen integrieren: «Mit dem Churer Modell kann man geschickter und entspannter auf diese Herausforderungen reagieren.»

Der Erfolg des Churer Modells hat auch damit zu tun, dass sich in der Schweiz das Grundverständnis des Lehrens und Lernens verändert. So geben der neue und für die Deutschschweiz geltende Lehrplan 21 sowie der Westschweizer Plan d’études romand nicht nur vor, welche Lerninhalte vermittelt werden sollen: Viel Gewicht wird auch darauf gelegt, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler erwerben sollen. Lern- und Problemlösestrategien rücken viel stärker in den Fokus des Unterrichts.

Mit den neuen Lehrplänen werde die Schule von heute befähigt, auf die rasanten Veränderungen in der Welt zu reagieren, sagt Matthias Gubler. Er ist Psychologe und Leiter des Instituts Unterstrass in Zürich, das Kindergarten- und Primarlehrpersonen ausbildet. Gubler sagt: «Für den Wissenserwerb alleine braucht man heute nicht mehr zur Schule zu gehen, dafür gibt es mittlerweile im Internet genügend Lerntools. In die Schule geht man in Zukunft, um Kompetenzen zu erwerben, die man später ins Berufsleben übertragen kann und um mit anderen gemeinsam an Themen zu arbeiten.» Ziel sei es, die Schülerinnen und Schüler von heute auf künftige, noch unbekannte Aufgaben in der Gesellschaft von morgen vorzubereiten. «Noch haben wir eine Schule, die für die industrialisierte Gesellschaft des letzten Jahrhunderts geschaffen worden ist», sagt Gubler. Doch die Schule werde sich weiter wandeln. Der Lehrplan 21 und die Verbreitung neuer Unterrichtsmodelle seien erste Schritte dieses Wandels.

Vorfreude – auf die Pause

Auch in Zimmer Nr. 204 im Berner Spitalacker-Schulhaus wird sich in den nächsten Jahren vieles verändern. Schon in zwei Jahren steht der nächste grosse Schritt an: Dann werden alle vier- bis achtjährigen Kindergarten- und Primarschulkinder in sogenannten Basisstufenklassen unterrichtet. Dabei werden Klassen gebildet, in denen Kinder der beiden Kindergartenjahrgänge sowie Erst- und Zweitklässler gemeinsam zur Schule gehen. Das Spielerische des Kindergartens und das Schulische der ersten Primarschuljahre gehen so fliessend ineinander über. «Das wird eine Herausforderung werden, auf die wir uns aber freuen», sagt Lehrerin Danielle Baumann. Die Umstellung wird Yael und Emanuel nicht tangieren. Sie werden dann nicht mehr in der Klasse sein. Noch sind sie aber hier und freuen sich jetzt: auf die Pause.

Mireille Guggenbühler ist freie Journalistin und spezialisiert auf Bildungsfragen

Comments (2)
  • Helmut Plieth
    Helmut Plieth 1 week ago
    Also wer glaubt, dass die in der Schweizer Revue beschriebene Lernmethode der "grosse Wurf" in der Bildungspolitik ist, der befindet sich im Traumland der bequemen Wissensvermittlung.
    Die in Deutschland stattfindenen Diskussion um "Schreiben nach Gehör" ist so ein Versuch Grundschulkinder als Testobjekte für irrwitzige Ideen zu benutzen.
    Die Realität zeigt, dass der "Frontalunterricht" für nachhaltige Wissensvermittlung der einzige richtige ud bewährte Weg ist den Schweizer Kindern auch ein Zukunftspersspektive zu ermöglichen.

    Helmut Plieth, Trubschachen
  • D. Courtillot
    D. Courtillot 5 days ago
    Bravo pour cette initiative. Entièrement d'accord pour cette méthode: A ce jour les enfants ont besoin de développer des compétences, plus pertinent a développer entre paires. Les connaissances arrivent tout naturellement quand c'est nécessaire. - D. Courtillot , enseignante a la retraite

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