Ist Federer der Jesus der Schweizer?

In einem satirischen Comicalbum, das dem Schweizer Tennisspieler gewidmet ist, wird Federer als göttliches Wesen dargestellt. Die einmalige Fähigkeit des Tennisstars, die Schweizer zum Träumen zu bringen, gefällt dem Autor, Gérald Herrmann, ganz besonders.

Federer ist 1990 Balljunge in Basel. Mc Enroe prophezeit ihm: «Du wirst der nächste Mc Enroe». «Rodger», wutentbrannt: «Ich will Edberg sein!!!»

Bester Spieler der Tennisgeschichte mit unvergleichbarem Stil und voller Anmut, ein belastbarer Sportler, fairer Athlet, gelassener Champion, der aber auch Freudentränen vergiessen kann, ein vorbildlicher Vater und Gatte, das ist Roger Federer im Buch «Rodger, l’enfance de l’art» [Rodger, die Kindheit der Kunst]. Die Liste der guten Eigenschaften, deren man ihn rühmt, ist schier endlos. Man fragt sich bei jedem Sieg, ob die Medien noch neue Superlative für ihn finden. «In der Schweiz wagen wir es nicht mehr zu träumen, wir sind zu verklemmt», sagt Gérald Herrmann, «aber mit Federer können wir uns gehen lassen, er ist eine Gottheit.» Herrmann, Pressezeichner bei «La Tribune de Genève», hat die Geschichte verfasst, die Zeichnungen stammen von Vincent di Silvestro.

In dem 80 Seiten starken satirischen Comicalbum, das im Frühjahr herauskam, verfolgen wir den jungen Federer von der Geburt bis zu seiner internationalen Krönung im Juniorenturnier von Wimbledon «im Juli des Jahres 16» – beziehungsweise 1998. «Roger war cholerisch wie Borg, er weinte vor Wut nach verlorenen Spielen, aber eigentlich wissen wir nicht viel von seiner Kindheit», sagt Herrmann. Im Buch lässt er seinen Helden von Martina Hingis, die sich bereits mit 16 als internationaler Tennisstar profilierte, entjungfern. «Er erklimmt auch die höchsten Gipfel», sagt der bekennende Fan von «Rodger». Wenn sein Held gegen Nadal spielt, flüchtet er auch mal auf die Toilette. «Wir sind acht Millionen Schweizer und acht Milliarden Menschen auf der Erde, aber unser Land hat einen Champion hervorgebracht, der alle anderen schlägt und ewige Zeit an der Spitze bleibt», gibt Herrmann zu bedenken. Sind andere Schweizer mit «RF» vergleichbar? Beispielsweise mit Bernhard Russi? «Wir sind stolz auf ihn, aber er hat niemals dieselbe internationale Dimension», sagt Herrmann.

Federers fiktiver Zwillingsbruder

Für Leser und Leserinnen, die das Leben von Roger Federer nicht genau kennen, ist der Comic ein ewiges Rätselraten. Hat «Rodger» bei der Geburt wirklich einen Zwillingsbruder verloren, der sein Doppel wird, wenn er spielt? War sein Vater, Robert, tatsächlich Schweizermeister im Hornussen? Die Antwort ist Nein, dennoch klingt die Geschichte plausibel. Die Handlung ist gewürzt mit mythologischen Erfindungen. So soll beispielsweise seine Mutter, eine Südafrikanerin, lange vor der Geburt des Meisters, Nelson Mandela als Delegierte des IKRK einen Besuch abgestattet haben. Dieser rät ihr, das rassistische Land zu verlassen. «Selbstverständlich ist alles erfunden», heisst es auf der Rückseite des Buchs, «bis auf die Szenen mit Jesus.»

Woher hat «Rodger» seine Superkräfte? Diese Frage steht im Zentrum der Geschichte. Einen Teil der Fähigkeiten hat er wohl von seinem Vater geerbt. Als Mitarbeiter eines Basler Pharmakonzerns soll dieser einmal in einen Kessel mit einer Flüssigkeit gefallen sein, die für die Schweizer Armee bestimmt war. Ausschlaggebend war jedoch etwas anderes: Gott selbst habe Jesus befohlen, einen Nachfolger für ihn zu suchen. Dieser Wunsch sei dem Vater von «Rodger» auf der Toilette des Schweizer Tennisclubs von Johannesburg offenbart worden. In diesem Club spielte er in der Tat mit seiner späteren Frau, Lynette Durand.

Versand nach Ohio

Hat der Tennisstar «Rodger, l’enfance de l’art» gelesen? Herrmann bedauert, dass seine Kontakte in der Branche ihm nicht helfen konnten, Roger persönlich zu erreichen. Das Album wurde Rogers Manager nach Ohio gesandt. «I’ll be so happy!», sagte jemand am Telefon des Sekretariats und versicherte, das Album sei dem Champion übergeben worden. «Er hat das Buch sicher gelesen, aber es hat ihm nicht gefallen», befürchtet Herrmann. Obwohl er auf Anraten eines Anwalts, der sich mit Stars auskennt, einige Szenen gestrichen hat.

«Rodger, l’enfance de l’art», Editions Herrmine, 2018, 80 S. CHF 24.40

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«Roger Federer ist eine Art Heiliger»

Kommentare (1)
  1. Brigida Siedler Brigida Siedler vor 3 Tagen
    Roger Federer eine Art Heiliger? Um Gottes Willen! Er steht auch für masslos geldgieriges, machtsüchtiges und narzistisches Verhalten. Die riesigen Summen Geld, die einige Sportler verdienen, sind nicht gerechtfertigt und unverständlich für den normalen Bürger und sollten verboten werden. Das ist kriminell, ausserhalb von Gut und Böse und hat mit Sport nichts mehr zu tun. Der Dichter Juvenal pägte den Satz "panem et circenses", Brot und Spiele. Gib dem Volk Brot und Spiele und es ist abgelenkt - und ich würde sagen: Es ist manipulierbar. Haben einige Schweizer ein so schwaches Selbstvertrauen, dass sie ein Idol brauchen für ihr Selbstwertgefühl?

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