Hingabe auf Helvetisch

Das gab es schlicht noch nicht: Soul aus der Schweiz, und dann erst noch auf Mundart. Und zwar nicht das Substitut aus keimfreier Hochglanz-Tanzmusik, wie sie seit einigen Jahren unter diesem Namen in den Charts anzutreffen ist. Sondern waschechten Soul, der sich in den späten Fünfzigerjahren aus dem Rhythm ’n’ Blues herauskristallisiert hat.

Das Schaffen der Schaffhauser Truppe Min King ist erfreulich. Mit viel Hingabe musiziert das Quintett, wobei es seine Wunderwaffe stets ins Zentrum der mitreissenden Arrangements stellt: die Stimme von Philipp Albrecht. Der Mittdreissiger beherrscht vom schmerzvollen Schrei bis zum beseelten Hauchen die ganze Palette des Genres. Dabei klingt er so unverkrampft und glaubwürdig, als sei der Soul seit jeher nur im kernigen Schaffhauser Dialekt gesungen worden und nicht im rollenden Amerikanisch der Schwarzen.

Damit lassen Min King aufhorchen: Ihre Single «Bluemewäg» sticht seit 2012 erfrischend aus dem Airplay der nationalen Sender heraus, das fast gleichnamige Debütalbum «Am Bluemewäg» schaffte es auf Anhieb in die Schweizer Charts – wenn auch nur auf Rang 86. Dass Min King nun mehr als fünf Jahre benötigt haben, um mit «Immer Wieder» nachzudoppeln, hat mehrere Gründe. Zum einen hat sich die Band nach einer ausgedehnten Tour eine Auszeit gegönnt, Frontmann Philipp Albrecht wagte sich mit dem Dancehall-Song «Fründin» auf Solopfade, und für das zweite Album musste eine leichte Stilkorrektur eingeschlagen werden.

Auf «Immer Wieder» klingen Min King deutlich weniger nach dem üppigen Soul der Sixties und lassen stattdessen mehr Luft zwischen den Tönen. «Meisli» ist ein schwebender Blues in Moll, der ganz ohne Refrain auskommt, «Bisch Immer No Da» ein Reggae, bei dem der Rheinfall rauscht, und «Teil Dich Mit» ein gemächlicher 6/8-Takter mit Nancy-Sinatra-Gitarre. Im Titellied singt Albrecht davon, sich im Kreis zu drehen und immer wieder «dryzlaufe».

Insgesamt klingt die Band auf ihrem Zweitling gelassener, ihr Sound wohliger – wie eine Afterparty, an die man nur zu gerne eingeladen wäre. Auch wenn ganz grosse Knaller wie «Bluemewäg» ausbleiben, folgt man Min King weiterhin gerne auf ihren Pfaden.

Stefan Strittmatter

 

Min King: «Immer Wieder», Irascible 2017.

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