Zürich als Ausgangspunkt in die Welt

Mit seinen literarisch fruchtbaren Aufenthalten in Paris, Portugal, Brasilien und Los Angeles war Hugo Loetscher der einzige wirkliche Weltautor seiner Generation.

Foto: Yvonne Böhler

Eigentlich wollte er Missionar werden, denn die katholische Zürcher Arbeiterfamilie, in die Hugo Loetscher am 22. Dezember 1929 geboren wurde, stammte aus dem luzernischen Escholzmatt, einer Gegend, in der, wie er später einmal schrieb, «die Frauen eine Kuhtemperatur im Leib haben und wo es üblich ist, im Stall die Jungfernschaft zu verlieren». Der Zürcher «Secondo» wurde aber weder Bauer noch Missionar, sondern eroberte sich vom proletarischen Aussersihl aus mittels Gymnasium und Universität zunächst einmal jenes urbane Zürich, für das er bis hin zu seinem späten Essayband «Lesen statt Klettern» als brillanter Erzähler und Essayist mit Hang zur Groteske und Selbstironie stehen würde.

Davon zeugt schon der erste Roman, «Abwässer» von 1963, wo er mit Zürich eine Art Exorzismus treibt. Zum kafkaesken anonymen System verdichtet, wird da die Stadt zu einem Ort der ideologischen Schaumschlägerei, der den Bezug zur elementaren Realität längst verloren hat. Sind «Abwässer» ein ökologisches Buch avant la lettre, so nimmt «Die Kranzflechterin» von 1964, das unsentimentale Bild einer Zürcher Proletarierin, wichtige Facetten der weiblichen Emanzipationsliteratur vorweg. «Noah» von 1967 lässt die Wohlstandseuphorie in die Sintflut münden, und «Der Immune» von 1975 zeigt am Beispiel der Titelfigur auf, was für Strategien der Immunisierung ein aufgeklärter Intellektueller entwickeln musste, um das zweite Drittel des 20. Jahrhunderts unangefochten überstehen zu können.

«Ich habe keine Wurzeln»

Gefragt, wo seine Wurzeln lägen, meinte Loetscher: «Ich habe keine Wurzeln. Ich habe Füsse. Um wegzugehen.» Was besagt, dass Heimat für ihn immer Basis und Ausgangspunkt für den Aufbruch in die Welt war. Prägend war schon der Paris-Aufenthalt von 1950/51, wo er als Doktorand Valéry, Gide, Sartre, Camus, aber auch Zola und Voltaire studierte. «Frankreich hat meine Sensibilität geweckt», gab er 1963 zu Protokoll, und dem elegant-weltmännischen Literaten mit der obligaten Zigarette merkte man die Pariser Schule bis zuletzt an.

Über Portugal gelangte er, nachdem er da eines Films über Diktator Salazar wegen Persona non grata geworden war, 1965 nach Brasilien, das zu seiner eigentlichen grossen Liebe wurde und wo er sich insgesamt dreizehn Mal für längere oder kürzere Zeit aufhielt. Da entstanden die auch heute noch aktuellen Reportagen, die 2016 im nachgelassenen Band «Das Entdecken erfinden» herauskamen. Da wurde er zu Büchern wie der Erzählung «Wunderwelt» von 1979 inspiriert, in der einem tot angetroffenen kleinen Mädchen das nicht gelebte Leben mit literarischen Mitteln doch noch geschenkt wird – wie denn Loetscher überhaupt am armen, proletarischen, bäuerlichen Brasilien und weit weniger am Glanz von Rio de Janeiro interessiert war. Einer urbanen Metropole aber hat er mit einem anderen Text ein Denkmal gesetzt: im todestrunkenen AmerikaBuch «Herbst in der Grossen Orange», das während seiner Zeit als Poetikdozent in Los Angeles in den Jahren 1979/80 entstand. Wenige Tage nach seinem Tod am 18. August 2009 erschien «War meine Zeit meine Zeit», das Buch, in dem Loetscher sein Leben auf eloquent-virtuose Weise den Flüssen der Welt entlang erzählt und das noch einmal eindringlich dokumentiert, auf was für eine brillante Weise der Vielgereiste der einzige wirkliche Weltautor seiner Generation war.

 

Charles Linsmayer ist Literaturwissenschaftler und Journalist in Zürich

 

«Ich lebte in einer Zeit, der es bewusst wurde, dass wir dafür zu sorgen haben, dass genug Luft zum Atmen da sein wird. Klima nicht als etwas, das gegeben ist, sondern das wir bestimmen. Vom Magenbrüterfrosch erfuhr ich, als er ausstarb, und es hängt offenbar auch von mir ab, ob in Sumatra ein Nashorn an den Flüssen lebt... Sollte ich als Vorgeschichtler Mitschöpfer einer Welt sein, die wir schaffen, indem wir sie retten?»

(Aus: «War meine Zeit meine Zeit», Diogenes, Zürich 2009

 

Bibliografie: Hugo Loetschers Werke sind deutsch bei Diogenes, Zürich, greifbar.

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