«Die Grossraubtiere erinnern uns daran, woher wir kommen»

Wildtierbiologe Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt, über den Lebensraum von Raubtieren und über das Zusammenleben von Mensch und Raubtier.

«Schweizer Revue»: Einst ausgerottete Tiere kehren in die Schweiz zurück. Das müssen für Sie Goodnews sein?

Reinhard Schnidrig: Ja. Aber die Goodnews fingen bereits mit der Einführung der ersten schweizerischen Gesetze über den Wald und über die Jagd im Jahr 1876 an. Damit reagierte die Schweiz auf die riesige, damalige Biodiversitätskrise. Unsere Wälder waren übernutzt. Das Wild war überjagt. Es gab keine Hirsche, Steinböcke, Wildschweine und Rehe mehr.

Die Rückkehrer sind für Sie also gar keine Überraschung?

Langfristig betrachtet, ist die Entwicklung völlig logisch. Kurzfristig gesehen ist sie erstaunlich. Als die Schweiz vor 25 Jahren den Wolf unter Schutz stellte, rechnete niemand damit, dass er wenige Jahre später da sein würde. Und dass wir uns dann die Frage stellen müssen, wie mit den vom Wolf verursachten Schäden umzugehen sei.

Skeptiker sagen, die enge Schweiz ertrage keine Grossraubtiere. In den Karpaten habe der Wolf mehr Auslauf.

Die Vorstellung, der Wolf passe besser in sibirische Weiten oder karpatische Wälder, ist falsch. Grossraubtiere spielen auch im Gefüge der hiesigen Fauna eine wichtige Rolle. Vor allem aber, wir teilen – als Teil einer Länderfamilie – einen gemeinsamen Lebensraum, in dem wir solidarisch für den Schutz der Arten einstehen wollen, die in ihrem angestammten Lebensraum ein Lebensrecht haben. Auch für den Wolf heisst das also: Findet er in der Schweiz Lebensraum, hat er auch Lebensrecht.

Das leuchtet nicht allen ein.

Spielen Sie die Frage im Kleinen durch: Was geschähe, wenn die Fricktaler Bauern im Aargau plötzlich sagten, Wildschweine passen besser in Regionen, wo weniger schadenanfällige Kulturen angebaut werden. Wie brächte man diese unsinnige Forderung den Wildschweinen bei? Wie den andern Bauern? Das Beispiel zeigt: Es braucht bei weitwandernden und potenziell schadenstiftenden Wildtieren eine solidarische Grundhaltung bei deren Schutz und Management.

Können Sie die Forderung nach einem «Alpenraum ohne Grossraubtiere» denn gar nicht nachvollziehen?

Die Forderung ist illusorisch. Diese Option existiert nicht mehr: Beschlössen wir, die Schweiz frei von Grossraubtieren zu halten, wäre dies nicht umzusetzen. Die Tiere kommen so oder so. Wer die Illusion aufrechthält, handelt unfair gegenüber unseren Schafhaltern: Man muss ihnen helfen, damit auch sie den Gesinnungswandel schaffen und – in ihrem eigenen Interesse – mit dem Bleiben des Wolfes rechnen.

Immerhin macht der Wolf vielen schlicht Angst.

Quer durch die Menschheitsgeschichte wird dem Wolf entweder mit Verehrung oder mit Angst und Hass begegnet. Das Mythologische überlagert die Erfahrung, dass Wolf und Mensch recht gut miteinander zurechtkommen. Sicher steht der Wolf immer auch fürs Rohe und Wilde. Und wir gehen sicher anders – demütiger – durch eine Landschaft, in der wir grosse Raubtiere wissen.

Die Schweiz soll also wilder werden, um uns Demut zu lehren?

Die Ursprünglichkeit wilder Landschaften ist ein wichtiger Kontrast zum zahmen und etwas giftig wirkenden Grün, das wir in der Schweiz vielerorts sehen. So gesehen brauchen wir «das Wilde». Aber die Grossraubtiere vermitteln uns nicht nur eine Ahnung von Wildnis, sie erinnern uns auch daran, woher wir kommen.

Woher denn? Aus Wäldern voller zähnefletschender Raubtiere?

Wir blicken auf anderthalb Millionen Jahre Menschheitsgeschichte zurück. Erst seit 10 000 Jahren bebauen wir das Land und leben wir in Städten. Das ist ein winziger Abschnitt. Den grössten Teil der Geschichte haben wir mit wilden Tieren gelebt, haben sie gefürchtet, verehrt, gejagt, verzehrt. Das ganze menschliche Verhaltensrepertoire wuchs in der damaligen Welt, nicht in der digitalen.

Sie denken in grossen Zeiträumen. Was sehen Sie, wenn Sie einen winzigen Zeitsprung um 50 Jahre nach vorn machen?

Die Lebensräume von Wolf und Hirsch werden sich ausdehnen, weil der Mensch gleichzeitig gewisse Lebensräume preisgeben wird. Wolf und Luchs werden unser Land relativ flächig besiedeln. Beim Bär bin ich mir nicht sicher. Das Abenteuer Bär hat eben erst angefangen. Dafür werden mehr Geier, Biber und Fischotter da sein.

Damit wäre die heimische Tierfamilie wieder praktisch komplett?

In 100 Jahren werden in der Schweiz nur wenige Tiere des einst wilden Europas fehlen. Kaum Chancen für eine Rückkehr hat der Elch. Für ihn fehlen eindeutig die grossen Flusslandschaften. Schwierig wird es auch für den Wisent. Dafür dürfen wir mit dem Schakal rechnen.

Wie bitte? Gehört der Schakal zur hiesigen Fauna?

Beim Schakal reden wir von einer «natürlichen Arealausweitung». Sie hat mit dem Klimawandel und mit der langen Absenz des Wolfes zu tun. Der Schakal breitet sich ausgehend von Südosteuropa in den Raum nördlich der Alpen aus. Bald wird er die Schweiz bereichern.

 

Interview: Marc Lettau

 

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