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Ein Biologe als Fernsehstar

«Netz Natur» ist eine der beliebtesten Sendungen des Schweizer Fernsehens. 
Der Biologe Andreas Moser schafft es, acht Mal pro Jahr rund 400 000 Zuschauer an die Bildschirme 
zu locken, und das seit bald 20 Jahren. Als Star fühlt er sich deswegen nicht, dafür ist er 
zu gescheit und zu engagiert.

Von Heinz Eckert

Das Interesse an Tieren ist bei Andreas ­Moser durch seine Herkunft und seine ­Familie bedingt. In der Nähe des Basler «Zolli» aufgewachsen, verbrachte Moser viel Zeit mit seinem Grossvater im Zoologischen Garten, kam mit Tieren und Wärtern in Kontakt, half letzteren hin und wieder auch bei der Arbeit und lernte dabei viel über Tiere. Diese Erfahrungen prägten seinen Berufswunsch und seinen Lebensweg. Tier­wärter wollte er eigentlich werden, doch seine Eltern überzeugten ihn, zuerst die ­Matura zu machen und dann auch zu studieren. Biologie mit Schwerpunkt Zoologie wählte er. Schon während seines Studiums an der Universität Basel führte Moser Feldstudien an einheimischen Reptilien durch und wurde bald einmal zum Schlangen­spezialisten.
Nach dem Studium betreute Andreas ­Moser als wissenschaftlicher Assistent und Laborchef das Gifttier-Labor des Schweizerischen Tropeninstituts in Basel. Dort war er für die Haltung der Giftschlangen, Spinnen und Skorpione zuständig.

Nachfolger einer Legende

Anstatt nach Afrika zu reisen, was sich angeboten hätte, und dort weiter Giftschlangen zu erforschen, wechselte Moser 1987 zum Schweizer Fernsehen. Er wurde Mitarbeiter der Sendung «Karussell» und begann naturkundliche Fernsehbeiträge zu produzieren. Als die Erfolgssendung «Karussell» eingestellt wurde, wechselte er in die Redaktion von «Menschen - Technik - Wissenschaft». Als Nachfolgesendung für die legendären Produktionen von Hans A. Traber wurde dort das Konzept von «Netz-Reportage aus der Natur» entwickelt. Seit 1989 ist Moser der Moderator, seit 1993 auch verantwortlicher redaktioneller Leiter der Sendungen. Im vergangenen Jahr standen die folgenden Themen auf den Programm: «Vom Kuh sein», «Kuh-Schweiz?», «Wer stinkt hier?», «Wilde Natur: Geld oder Leben», «Mangroven: ­Affen, Krabben, Krokodile», «Die Gehörnten», «Ehre sei den Tieren».

Der Wolf und die Schafe

Moser setzt sich engagiert und vernehmlich für die Interessen der Tiere und der Natur ein, ein Missionar ist er aber ganz und gar nicht. Naturwissenschaftler durch und durch, analysiert er den Zustand und zieht seine Schlüsse und Folgerungen. Diese erläutert er den Zuschauern leicht verständlich und nachvollziehbar, aber ohne dramatischen oder pädagogischen Unterton. Das war auch so, als die wieder in die Schweiz eingewanderten Wölfe sogar das Parlament beschäftigten. Ein hausgemachtes Problem des Menschen sei es, wenn ein Wolf ein Schaf oder eine Ziege reisse, sagte Moser. «Der Wolf behandelt unbeaufsichtigte Haustiere als Teil der Natur», erklärte er dem Parlament. Etwa 350 Schafe und Ziegen töten die vielleicht zehn in der Schweiz lebenden Wölfe pro Jahr. Das sei wenig im Verhältnis zu den 4000 bis 10 000 Schafen, «die jährlich durch Unfälle und Krankheiten zum Teil qualvoll verrecken, nur weil die Schafhalter sie wochen- oder gar monatelang ohne Aufsicht und Schutz im Gebirge weiden lassen».
Schafe, erklärt Moser weiter, bräuchten auf der Alp eine ständige Behirtung und als Haustier hin und wieder auch Betreuung durch den Tierarzt. Sie gehörten nachts geschützt, am besten durch einen Elektrozaun, zudem brauche es Hirten und Hunde, die zur Herde schauten. «Schafe, die so gehalten werden, sind auch durch Wölfe kaum gefährdet», sagt er und macht darauf aufmerksam, dass der Bund den Bauern jährlich 43 Millionen Franken an Subventionen für die Schafhaltung ausschüttet. Dieses Geld sollte auch dazu verwendet werden, die Tiere nach den Normen des Tierschutzgesetzes zu halten, sagt er.
Dass das Parlament bei der Wolfsdebatte davon nichts habe wissen wollen, findet er doch ziemlich erstaunlich. Der Wolf sei der natürliche Gegenspieler von Rehen, Gämsen und Hirschen und habe die biologische Aufgabe, hier zu leben. Nur habe er sich bisher nicht etablieren können, weil er oft gewildert werde. Zudem eigne er sich bestens, um von Politikern im Wahlkampf zur Stimmungsmache missbraucht zu werden.

Der Ehrendoktor

Moser sieht sich vor allem als Vermittler, weil er beobachtet, wie viel Natur durch mangelnde Sensibilität zerstört wird: «Den Menschen die Zusammenhänge in der Natur nahebringen und ihnen immer wieder bildlich, sinnlich und ab und zu auch emotional zeigen, dass es auch andere Blickwinkel gibt als nur den menschlichen, dafür bietet ‹Netz Natur› eine perfekte Plattform.» In einer Zeit, in der immer mehr Natur geopfert werde – für die Industrie, für Wohn- und Strassenbauten, aber auch für Freizeitaktivitäten –, habe er im Rahmen der Service-Public-Leistungen des Schweizer Fernsehens die Aufgabe, nach journalistischen Kriterien, wissenschaftlich korrekt, aber auch unterhaltend über Chancen und Risiken für die Natur zu berichten.
Wie gekonnt er das macht, beweist neben der grossen Fan-Gemeinde auch die Tatsache, dass seine unspektakuläre Sendung weder den Sparübungen zum Opfer gefallen ist noch dem sonst flächendeckenden Trend zum Reisserischen und Boulevardesken beim Schweizer Fernsehen hat folgen müssen.

Seidenraupen
Schmetterling aus der Sendung «Wie ein Schmetterling die Welt verändert»

Für sein Schaffen hat Andreas Moser zahlreiche Preise bekommen. Ganz besonders gefreut hat ihn die Begründung der Universität Zürich bei der Verleihung des Ehrendoktors: «Die Universität Zürich verleiht die Würde eines Doktors ehrenhalber an Dr. Andreas Moser in Anerkennung seiner Verdienste um die Darstellung von Tieren und ihrer Vernetzung mit ihrem Lebensraum. Durch seine Fernsehsendungen hat Andreas Moser massgeblich dazu beigetragen, in der Bevölkerung das Verständnis für Tiere in ihrem Lebensumfeld und für andere wichtige Naturthemen zu fördern und damit einen wichtigen Beitrag zum Tier- und Naturschutz zu leisten.» Das war Lob von Mosers Leistung von höchster Warte.

Neues Beswusstsein bei der Jugend

Die Themen für «Netz Natur» werden Moser wohl nie ausgehen – leider. Die biologische Vielfalt etwa, heute meist Biodiversität genannt, sei für die Zukunft extrem wichtig, sagt Andreas Moser. Die vielfältigen Beziehungen der verschiedenen Arten unter­einander sei die Voraussetzung, dass Lebewesen – auch die Menschen – überhaupt existieren könnten. «Nehmen Sie Milch und Fleisch als Beispiel: Ohne die riesige Zahl von Bodenlebewesen wächst kein Gras und auch keine Kulturpflanze. Gras aber brauchen die Rinder und Schafe, um Milch und Fleisch liefern zu können. So hängt alles zusammen.» Er verweist auf weitere Zusammenhänge: Ohne Biene keine Befruchtung der Ostbäume, ohne Regenwürmer kein Humus auf den Feldern und im Waldboden, der die Pflanzen nährt, das Wasser zurückhält und so Erosion und Überschwemmungen verhindert.
Die Weltnaturschutz-Organisation IUCN hat erschreckende Zahlen veröffentlicht: Von 47 677 gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, die auf der Roten Liste stehen, sind 17 291 akut vom Aussterben bedroht. «Die Natur ist das Fundament für unsere Existenz. Wenn wir sie zerstören, so zerstören wir uns selber», sagt Moser. «Trotzdem werden nach wie vor die tropischen Regenwälder – die reichhaltigsten Ökosysteme – abgeholzt, werden gigantische Mengen Düngstoffe aus der Landwirtschaft in Flüsse und ins Meer geschwemmt, wo sie die Korallenriffe zerstören und wo Fische durch die in den Gewässern enthaltenen Hormone unfruchtbar werden.»
Gibt es eigentlich auch erfreuliche Perspektiven? Ja, sagt Andreas Moser. Das Team von «Netz Natur» arbeite viel mit jungen Menschen zusammen und stelle immer wieder fest, dass bei den Jungen das Bewusstsein für Zusammenhänge und die Einstellung gegenüber der Natur besser sei als bei den Älteren. Sie seien auch bereit, ihren eigenen Beitrag zu leisten. «Die Politik darf bezüglich Umwelt und Natur keine Entscheidungen mehr treffen, die irreversibel sind. Alles andere ist ethisch nicht vertretbar», sagt Moser. «Das sind wir den kommenden Generationen schuldig.»

HEINZ ECKERT ist freier Publizist in Basel, bis 2010 war er Chefredaktor der «Schweizer Revue»

Andreas Moser bei Dreharbeiten für eine seiner Sendungen

Als Sendedaten für « Netz Natur» für 2012 sind vorgesehen:
15. März, 26. April, 24. Mai, 21. Juni, 20. September, 18. Oktober, 15. November, 20. Dezember.

Die Sendung ist auch im Internet zu sehen: www.sendungen.sf.tv/netz-natur

Sämtliche Folgen sind auch als DVD erhältlich:
www.sendungen.sf.tv/netz-natur/Formulare/
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