
Iouri Podladtchikov ist mit den amerikanischen Snowboard-Stars auf Du und Du. Der Zürcher Halfpipe-Vizeweltmeister gibt keine Ruhe, bis ihm die verrücktesten Figuren der ganzen Tour gelingen. Begegnung mit diesem Akrobaten der Snowboard-Manege nach seinem Weltcupsieg in Saas-Fee.
Ein Porträt von Alain Wey
Iouri Podladtchikov auf dem Siegerpodest und in der Halfpipe in Saas-Fee im November vergangenen Jahres
Er wirft sich in die Halfpipe, hebt ab und springt mehr als vier Meter über die sechseinhalb Meter hohen Schneemauern. Bei seinen unfassbaren Drehungen und gewagten Sprüngen bleibt einem die Spucke weg. Nichts scheint Iouri Podladtchikov aufhalten zu können. Er gewinnt den Weltcup-Wettbewerb von Saas-Fee mit Bravour und sogar, ohne allzu grosse Risiken einzugehen. Im Zielbereich gibt er den Journalisten mit breitem Lächeln Auskunft.
Podladtchikov ist einer der wenigen Europäer, die es mit Superstars aus den USA wie Shaun White, dem unschlagbar scheinenden König der Halfpipe, aufnehmen können. Er ist nach dem Olympiasieger White der Zweite, dem ein Double McTwist 1260 gelungen ist, das ist ein Doppelsalto mit dreieinhalb Schrauben. Mit seinem Erfolg an den Olympischen Spielen in Vancouver – er verfehlte das Podest lediglich um 0,4 Punkte – wurde der Sportler mit dem Übernamen «iPod» in der ganzen Schweiz bekannt. An den legendären nordamerikanischen Winter- X-Games 2010 gewann er sogar Silber.
Im Hotel du Glacier in Saas-Fee trennt sich der Snowboarder ein paar Augenblicke von seinen Brettern und Gitarren, Zeit für ein Gespräch, damit wir den 23-jährigen Mann besser kennenlernen können.
Der Bruder als Vorbild
Iouri kam 1996 im Alter von acht Jahren in die Schweiz. Sein Vater, Professor für Geophysik, hatte eine Stelle an der ETH in Zürich angenommen. «Erstmals auf dem Snowboard stand ich mit elf, in Flumserberg. Mein älterer Bruder Igor war bereits Snowboarder, und ich wollte immer sein wie er. Bald drehte sich alles um den Sport. Jedes Wochenende fuhren wir mit den Eltern in die Berge. Nachdem ich dreizehn geworden war, liessen sie mich auch alleine gehen. Meist war ich in Laax oder Davos, wo ich in Halfpipes, Jumps und Rails trainieren konnte.» Schliesslich konnte Iouri ins Sportgymnasium in Davos eintreten.
2007 wurde er eingebürgert. Im Jahr davor hatte er an den Olympischen Spielen in Turin teilgenommen – für Russland, obschon er in Graubünden mit seinen Schweizer Freunden und den Coachs Marco Bruni und Pepe Regazzi von Swiss-Ski trainierte. «Aber ich war und blieb ‹der Russe› für sie», erinnert er sich. Bei der Frage, ob er sich mehr als Schweizer oder mehr als Russe fühle, weicht Podladtchikov aus: «Ich hasse diese Frage. So lautet meine Antwort», sagt er. Und welcher Nationalität entspricht sein Charakter, sein Wesen mehr? «Ich habe in vielen Ländern gelebt, ich bin gefühlsmässig ein multikultureller Mensch. Aber meine Eltern sind Russen, durch und durch. Möglicherweise habe ich manchmal eine etwas andere Einstellung als meine Schweizer Freunde. Ein Russe bin ich aber nicht, jedenfalls in Russland nicht. Da bin ich Schweizer. Und in der Schweiz bin ich kein wirklicher Schweizer. So ist es halt. Ich bin Iouri und der Rest ist mir egal.» Und die Schweiz in seinem Herzen? «Sie steht für vieles: für die Berge, meine Freunde, die Liebe, Zürich», sagt er und seine Augen leuchten. «Die Schweiz ist mit guten Gefühlen verbunden.» Zürich hat ihn sogar zum Sportler des Jahres 2009 gewählt.
Immer ein Ziel vor Augen
Wie sieht ein Jahr bei Iouri Podladtchikov aus? «Das Erste, das mir einfällt, ist ‹chaotisch›. Ich reise dauernd in der Welt herum. Mich an einem Ort stillzuhalten, ist nicht meine Stärke. Auf mehr als vier Monate Schweiz pro Jahr komme ich nie. Im August nahm ich beispielsweise an den Wettbewerben in Neuseeland teil und im Oktober kehrte ich schon wieder zum Training dorthin zurück.» Er folge seinem Instinkt, sagt Podladtchikov, und er verlange viel von sich und daher auch von den andern.
Podladtchikov ist auch ein passionierter Fotograf und ein guter Gitarrist. Vorläufig träumt er jedoch nur davon, an Wettbewerben wie den Winter-X-Games zu siegen und an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi, in seinem Geburtsland, eine Medaille zu gewinnen. Gibt es neben seinem Talent und seiner Kreativität auch eine Philosophie? «Nein», sagt er, «meine Philosophie ändert sich ständig. Ich weiss nicht, was ich morgen machen werde, ich weiss nur, dass ich immer weiter nach oben, nach vorne will, dass ich stets ein Ziel vor Augen haben muss.»
ALAIN WEY ist Redaktor der «Schweizer Revue»