Die einzige rätoromanische Tageszeitung vor dem Aus

«La Quotidiana» gibt es seit 20 Jahren. Geschieht nicht rasch etwas, erscheint die Zeitung Ende dieses Jahres zum letzten Mal. Es wäre ein Verlust von grosser Tragweite für das ohnehin gefährdete Rätoromanisch.

Der Optimismus von 1997 ist längst verflogen. Im Bild: der damalige Chefredaktor Enrico Kopatz und Verleger Hanspeter Lebrument mit der ersten Ausgabe von «La Quotidiana». Foto Keystone

Der Kanton Graubünden mit seinen 150 Tälern und den drei Amtssprachen Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch ist kulturell wie topografisch ein komplexes Gebilde. Als wäre das nicht genug, besteht das Rätoromanische aus fünf Idiomen, die sich so stark unterscheiden, dass sich die 60 000 Rätoromanen, die je nach Talschaft unterschiedlich sprechen, untereinander nicht unbedingt auf Anhieb verstehen. Eine gewachsene Hochsprache gibt es nicht. Dafür seit Anfang der Achtzigerjahre eine einheitliche Schriftsprache, das Rumantsch Grischun, eine Kunstsprache. Als am 1. Januar 1997 die erste Ausgabe von «La Quotidiana» in einer Auflage von gut 6000 Exemplaren druckfrisch von der Presse lief, war das ein Meilenstein: Die erste Tageszeitung der Rätoromanen, in der sich die Sprache zur sprachlichen Klammer weiterentwickeln kann, ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. So weit, so vielversprechend.

Bereits Ende Jahr könnte es mit «La Quotidiana» jedoch zu Ende gehen, wenn die Vertreter der Rätoromanen – Politiker wie der CVP-Nationalrat Martin Candinas und die rätoromanischen Lobbyisten der Lia Rumantscha zusammen mit Somedia – nicht rasch eine nachhaltige finanzielle Lösung finden. Das grösste Medienhaus im Kanton Graubünden, Hanspeter Lebruments Somedia, hat im März bekanntgegeben, das jährliche Defizit von 300 000 Franken nicht mehr tragen zu wollen und das Blatt Ende Jahr einzustellen.

Das Defizit besteht im wesentlichen aus den Personalkosten für Chefredaktor, Layouter, Korrektor, einen festen freien Mitarbeiter und das Sekretariat. Die Zeitung ist so komplex gebaut wie der Kanton, in dem sie erscheint. Im überregionalen Mantelteil ist die Sprache Rumantsch Grischun, in den jeweiligen Lokalteilen wird in den eigenen Idiomen geschrieben. Da ist etwa der Korrektor besonders gefordert, der alle Idiome und das Rumantsch Grischun beherrschen muss.

Zunehmender Auflagenschwund

«La Quotidiana» leidet wie alle anderen Tageszeitungen unter einem Auflagenschwund. Mittlerweile sind es nicht mehr 5000 bis 6000 Abonnenten, wie in den Anfängen, sondern nur noch 4000. Ein lukratives Geschäft war die Tageszeitung allerdings nie. Dafür ist der Markt zu klein und zu zersplittert. Im Engadin beispielsweise erscheint die deutschsprachige «Engadiner Post». Als «La Quotidiana», ein Zusammenschluss diverser romanischsprachiger Lokalzeitungen, auf den Markt kam, reagierte die «Engadiner Post» und führte rätoromanische Seiten ein.

Die Lage ist schwierig, doch es gibt noch Hoffnung. Nationalrat Martin Candinas hat in der grossen Kammer eine Interpellation eingereicht. Er will ausloten, ob Bund und Kanton Hand bieten würden, um das Überleben der rätoromanischen Zeitung bis 2020 finanziell abzusichern und damit genügend Zeit für eine nachhaltige Lösung zu finden. Übrigens fliessen jährlich Gebührengelder der SRG in der Höhe von 25 Millionen Franken ins Bündnerland, zum rätoromanischen Radio und Fernsehen RTR, für das 160 Leute arbeiten.

Auch im Bündner Kantonsparlament ist ein Vorstoss zur Rettung von «La Quotidiana» in Vorbereitung. Candinas sagt: «Die Zeit ist knapp, es sind Kündigungsfristen zu berücksichtigen. Bis August müssen wir eine Lösung haben.» Für den Rätoromanen, der in der Surselva aufgewachsen ist und heute in Chur lebt, gibt es eigentlich keine Alternative: «La Quotidiana» müsse gerettet werden. «Alles andere wäre ein schwerer Schlag für unsere Idiome. Soll die Sprache überleben, brauchen wir Rätoromanen diese Tageszeitung – für den Erhalt einer lebendigen Sprache, für die Identität, den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl», sagt der Stiftungsrat der Nachrichtenagentur Agentura da Novitads Rumantscha (ANR). Diese Agentur beliefert alle rätoromanischen Medien mit Nachrichten, auch «La Quotidiana», die ohne die Texte der Agentur ohnehin nicht überlebensfähig wäre. Die Agentur existiert seit 1997 und hat 2009 Redaktionsmitglieder der «La Quotidiana» übernommen und damit das weitere Erscheinen ermöglicht. Finanziert wird die Agentur von Bund und Kanton, die das Jahresbudget von einer Million Franken tragen.

Wegzug aus dem Sprachgebiet

Zentral für die Rätoromanen und das Überleben ihrer Kultur ist die Lia Rumantscha. Sie wurde 1919 als Dachverband aller romanischen Sprachvereine gegründet und ist gewissermassen der Lobbyverband, der von Bund und Kanton unterstützt wird. 40 Prozent der Rätoromanen leben inzwischen ausserhalb des Sprachgebiets. Wichtig sind gemäss dem Verband unter anderem zweisprachige Schulen. In Chur existiert eine solche Schule, um das Überleben der Sprache zu sichern. Martin Candinas ältester Sohn besucht diese Schule. Candinas sagt: «Wir stehen vor massiven Herausforderungen, die Zahl der Rätoromanisch Sprechenden sinkt, viele Rätoromanen ziehen wegen der Ausbildung und der grösseren beruflichen Möglichkeiten aus dem Sprachgebiet weg, daher ist «La Quotidiana» eben wichtig, aber auch zweisprachige Schulen ausserhalb des Sprachgebiets sind es. Sonst spricht in der Diaspora in zwei Generationen niemand mehr Rätoromanisch, und die Sprache stirbt.» Das wäre ein grosser und unwiederbringlicher Verlust für die Schweiz – auch wenn das der Liedermacher Linard Bardill etwas gelassener sieht. Er schrieb vor vier Jahren im «Tages-Anzeiger» schon mal den Nachruf auf das Rätoromanische: «Alle wollen das Rumantsch am Leben erhalten. Dabei sollten wir es gehen lassen, solange es noch gehen kann…»

Rettung auf digitalem Weg?

Martin Cabalzar, der Chefredaktor von «La Quotidiana», schaut derweil in die Zukunft. Er leitete die «Gasetta Romontscha», ehe diese in der «Quotidiana» aufging. Das Verbreitungsgebiet war die Surselva, die Auflage betrug 6000 Exemplare. «Würde die Quotidiana tatsächlich eingestellt, könnte man dieses Blatt wieder aufleben lassen», sagt er. «Es würde wohl funktionieren als reine Lokalzeitung, wäre sprachpolitisch aber ein gewaltiger Rückschritt.»

Cabalzar setzt deshalb lieber auf die Rettung der «Quotidiana» – und langfristig auf den digitalen Weg. Die Abonnenten können die Zeitung bereits heute als PDF herunterladen, was insbesondere für die Heimweh-Rätoromanen im Ausland von grossem Vorteil ist. Aber eine Homepage, auf der laufend News aufgeschaltet werden, hat «La Quotidiona» nicht. Das ist Zukunftsmusik – wenn es denn noch eine Zukunft für die einzige rätoromanische Tageszeitung gibt. Das hängt jetzt vom Goodwill der Politik und von Somedia ab, die wahrscheinlich mit im Boot sitzen wird, sobald sie nicht mehr mit Defiziten belastet wäre. Bereits wird an Runden Tischen unter Hochdruck an der Rettung der «Quotidiana» gearbeitet. Spätestens im Herbst weiss die Öffentlichkeit, ob sie weiterleben oder untergehen wird.

Andreas Fagetti ist Journalist bei der «Wochenzeitung»

Comments (1)
  1. Wave Dancer Wave Dancer at 15.07.2017
    Da sollte wirklich mal der Bund helfen! Vielleicht anstelle von nicht identifizierbaren Kunstwerken u. deren "Künstler" per Giesskanne zu subventionieren würde ein Kulturprojekt "Rätoromanisches Print- wie Digitalmedium" absolut unterstützungswürdig sein!
    Ich sage das als Berner, dessen Kanton ohnehin viel zu viel an "Ausgleichszahlungen" erhält.

Write new comment

Die Redaktion behält sich vor, diskriminierende, rassistische, ehrverletzende oder hetzerische Kommentare zu löschen oder die Kommentarfunktion für diesen Artikel zu schliessen.

Kaum ein anderes Land ist so komplett und exakt vermessen und kartografiert wie die Schweiz. Die akribischen Landeskarten machen das bergige und...

Leggi tutto

Es geht um Sein oder Nichtsein: Für die Grünliberalen und die Bürgerlich-Demokratische Partei droht der Zerfall, wenn sie bis 2019 nicht deutlich...

Leggi tutto
Gesellschaft
07/14/2017

Die «böse» Schweiz

Wenn die Kriminalstatistik der Schweiz erscheint, fällt jeweils ein Schlaglicht auf die dunkle Seite des schweizerischen Alltags. Dieses Jahr erlaubt...

Leggi tutto

Im Weinbau setzt die Walliserin Marie-Thérèse Chappaz auf Natur. Und damit ihr Wein so wird, wie sie es sich vorstellt, scheut die international...

Leggi tutto

Die grossen Schweizer Orchester werden vor allem von Franzosen, Briten oder Italienern dirigiert. Drei aktuelle Schweizer Dirigenten kennt dennoch die...

Leggi tutto
 

Auslandschweizer Organisation
Alpenstrasse 26
3006 Bern, Schweiz

tel +41 31 356 61 10
fax +41 31 356 61 01
revue@aso.ch