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Die Schweiz als Kriegsdienstleister

Das Söldnerwesen hat keinen guten Ruf. Libyens Diktator Muammar Ghadhafi versuchte während Monaten, seinen Sturz mit ausländischen Söldnertruppen abzuwenden. Die Uno warnte kürzlich vor einem Besorgnis erregenden Anstieg des Söldnerwesens in Afrika. In der Schweiz ist «fremder Militärdienst» zwar verboten, doch das war nicht immer so. Während eines halben Jahrtausends gehörte die Eidgenossenschaft zu den gefragtesten Kriegsdienstleistern. Auf den Schlachtfeldern Europas kämpften weit über eine Million Schweizer Söldner. Sie waren bekannt für ihre Brutalität und ihr Draufgängertum und deshalb heiss begehrt und äusserst gefürchtet zugleich. Für fast alle europäischen Mächte standen sie im Einsatz. Zeitweise stammte jeder dritte Infanterist der französischen Armee aus der Schweiz. Und im 19. Jahrhundert sahen sich Befreiungsbewegungen sehr oft Schweizer Söldnertruppen im Dienste untergehender Fürstenhäuser gegenüber. Mit dem idyllischen Bild der päpstlichen Schweizergarde als historischem Relikt hat das Söldnerwesen von einst nichts gemeinsam.

Wohl kein anderes Phänomen hat die vormoderne Eidgenossenschaft stärker geprägt als das Söldnerwesen. Seltsamerweise, so schreibt der Journalist Jost Auf der Maur, sei diese herausragende historische Besonderheit kaum im allgemeinen Bewusstsein verankert. Militärhistorisch ist das Söldnerwesen zwar eingehend erforscht, doch die kulturgeschichtliche und gesellschaftspolitische Dimension ist weitgehend unbeachtet geblieben. In seinem Buch «Söldner für Europa» macht Auf der Maur auf dieses schwarze Loch helvetischer Geschichtsschreibung aufmerksam. Er ist dazu berufen: Viele seiner direkten Vorfahren standen als ­Offiziere im Sold fremder Mächte.

Ein Drecksgeschäft sei es einerseits gewesen, das eine Sold-dienst-Aristokratie hervorgebracht habe, die auch politisch das Sagen hatte. Im illustrierten Anhang des Buches kann der zu Architektur gewordene finanzielle Erfolg helvetischer Kriegsunternehmer bestaunt werden – im wahrsten Sinne des Wortes auf Blut gebaute Herrschaftshäuser in vielen Teilen der Schweiz. Söldner, die nicht auf dem Schlachtfeld starben, kehrten häufig verwahrlost, verstümmelt und alkoholkrank nach Hause zurück. Der Bevölkerungsverlust für die Eidgenossenschaft war massiv.

Anderseits führten die langen Auslandsaufenthalte auch zu einem Wissenstransfer: Wer es zu etwas brachte und gesund und möglicherweise gar wohlhabend zurückkehrte, brachte auch Kultur und Kenntnisse auf verschiedensten Gebieten in die Heimat zurück. Auf der Maur wagt gar die Behauptung, dass die Schweiz ohne fremde Kriegsdienste gar nicht überlebt hätte: Die europäischen Höfe seien derart stark auf Schweizer Truppen angewiesen gewesen, dass sie eine Beisshemmung gegenüber ihrem Söldner-Reservoir entwickelt hätten. Bei Eigenbedarf haben die Eidgenossen ihre Truppen nämlich heimgeholt. Da wurde ein Mechanismus eingeübt, der allmählich ins immer stärkere Bekenntnis zur Neutralität mündete.

Ausgehend von seiner Familiengeschichte bietet Jost Auf der Maur neue, faszinierende und irritierende Einblicke in ein turbulentes und unterschätztes Kapitel helvetischer Geschichte.

JÜRG MÜLLER

JOST AUF DER MAUR. Söldner für Europa: Mehr als eine Schwyzer Familiengeschichte.
Echtzeit Verlag, Basel 2011. 106 Seiten. CHF 29.–