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Eine Schweiz zwischen Kräutergarten und Töfftreff

Die Schweiz erstellt eine Liste ihrer «lebendigen Traditionen». Die Erhebung lässt das Land über sich selber staunen: Manche Landesgegend wundert sich, was in manch anderer Landesgegend als Tradition verstanden wird. Das führt zur rege debattierten Frage, ob und wie genau denn Tradition Identität schafft. Wie beantwortet ein konservativer, schriftstellernder Politiker die Frage? Was sagt der Maler, der nichts ausser Kühen malt? Und warum stolpert eine progressive Jodlerin immer wieder über die Traditionspflege?

Von Marc Lettau

Manchmal sind die Bösen die Guten. Steigen in der Schweiz nämlich muskelstrotzende Schwinger in den Sägemehlring, dann spricht das kundige Publikum nicht von den Starken, sondern von den Bösen. Und wirft ein wirklich Böser seinen Gegner mit einem kräftigen Hüftschwung aufs Kreuz, was tut er dann? Er reisst nicht gleich die Arme zur Siegerpose hoch. Nein, er wischt zunächst dem Gegner das Sägemehl von den Schultern. Er ist im Moment des Jubels also ein ganz Guter.

Kampfsportarten, bei denen die rohe Kraft mehr oder weniger durch Wettkampfregeln zivilisiert wird, kennen alle Kulturkreise. Es ist also nicht die Kraft, die das Schwingen zur typisch schweizerischen Sportart macht. Es ist zu einem guten Teil das Selbstverständnis des Siegers, die Tatsache, dass er im Moment des Triumphes dem Unterlegenen Respekt zollt. Selbstverständlich sind all die Bösen nicht von Natur aus Gute. Dem Gegner in der Niederlage das Sägemehl von den Schultern zu wischen, ist Teil der Tradition, Teil der mit dem Schwingen verbundenen Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das prägt auch ausserhalb des Sägemehlrings. Nur wenige Schweizer und nur ganz wenige Schweizerinnen schwingen selber. Aber alle wissen, dass sie – sollten sie je siegen – dem unterlegenen Gegenüber den Dreck vom Rücken putzen sollen.

Zum traditionellen Kulturgut der Schweiz gehört nebst dem Schwingen auch
die Zweisprachigkeit, wie sie in Biel, das zeigen die Wegweiser, zum Alltag gehört

Archaisches ist en vogue

Am nächsten Eidgenössischen Schwingfest im Jahr 2013 – es findet übrigens nur alle drei Jahre statt – wird das gute Spiel der Bösen wohl noch höhere Wellen werfen als bisher. Die archaischen Reize des Schwingens ziehen zunehmend auch die urbane Schweiz in ihren Bann. Und die Werbeindustrie wird sich nicht scheuen, noch mehr auf die starken, schweren Mannen zu setzen. Denn Schwingen dürfte bis zum nächsten Schwingfest definitiv das wertvolle Prädikat «von der Unesco geprüftes immaterielles Kulturgut der Schweiz» tragen.

Die Schweiz erstellt nämlich gegenwärtig zuhanden der Unesco die Liste ihrer lebendigen Traditionen. Das geschieht in typisch föderalistischer Kompliziertheit. In einigen Kantonen brüteten Expertenteams über die Frage, welche Ausdrucksformen denn Unesco-würdig sein könnten. In anderen Kantonen richtete man die gleiche Frage an jedermann und jederfrau – und hörte sich daraufhin des Volkes Stimme an. Jetzt ist das Bundesamt für Kultur (BAK) daran, die 387 eingegangenen Vorschläge auf weniger als die Hälfte zu verdichten und zu dokumentieren. Das Endergebnis wird im April 2012 der Unesco zur Prüfung vorgelegt.

Verwirrend buntes Potpourri

Wenn auf der einen Seite Forscher und Volkskundler Brauchtum auflisten und auf der anderen Seite Bürgerinnen und Bürger sagen, was sie als Tradition erachten, kommt eine sehr bunte Mischung zusammen. Die Rückmeldungen aus den Kantonen ergaben zunächst ein eher verwirrendes Potpourri. Vor der Bereinigung durch die Kulturbeamten des Bundes reichten die Vorschläge von , vonBergsteigen bis Kariesprophylaxe, von klösterlichen Kräutergärten bis zum Musikfestival Paléo bei Nyon, von Fahnenschwingen über die Bergkristallsuche bis hin zur schweizerischen Generaltugend, der Sauberkeit. Die Folge: Die Schweiz staunt seither über sich selber. Manche Landesgegend wunderte sich, was in anderen Landesgegenden als Tradition verstanden wird. Mit einem Mal wird über praktisch unübersetzbare Begriffe geplaudert: Was um alle Welt steckt hinter Gansabhauet, Rabadán, Pschuuri, Troccas, Tschäggättä und Pfingsblüttlern? Das Schwingen, ja, das verstehen alle. Aber nun nehmen durchaus traditionsbewusste Schweizerinnen und Schweizer wahr, dass sie die meisten schweizerischen Traditionen nicht wirklich kennen. Es sind zum grossen Teil die Traditionen der anderen.

Poya-Malerei aus dem Kanton Freiburg war früher einzig Darstellung des Alpaufzugs
zur Dekoration von Häusern, heute ist sie auch bei Kunstliebhabern gefragt

Ein Ziel ist schon erreicht

Ein Ziel habe das Erarbeiten der Unesco-Liste somit bereits vor der definitiven Publikation erreicht, sagt David Vitali, Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft des BAK: «Wir erhoffen uns, dass überhaupt ein breites Bewusstsein geschaffen wird, dass es – erstens – Traditionen gibt und dass sie – zweitens – einen grossen Wert haben.» Selbstverständlich erhoffe sich das BAK nun «die Aufwertung» der lebendigen, sprich: gelebten Traditionen. Das sei alleine schon durchs Zusammentragen der Vorschläge ein Stück weit passiert.

Die grosse Resonanz erklären Volkskundler und Zeitungskommentatoren in der Regel mit der Globalisierung, die die Bedeutung von Traditionen verändere. Vitali teilt diese Ansicht. Die Pflege von Traditionen lasse sich heute keineswegs auf ein «patriotisches Phänomen» reduzieren. Traditionen seien längst ein wichtiger Beitrag zur Identifikationsfindung geworden: «Ein Beitrag zur Suche nach einem Platz in einer sehr pluralistischen Welt».

Was nützt das Ganze?

Kritisch nachgefragt: Dient es denn den Traditionen, wenn das BAK sie auflistet? Vitali räumt ein, dass die Inventarisierung nicht direkt zum Erhalt von Traditionen beitrage: «Traditionen müssen sich ständig erneuern, sonst sterben sie ab.» Das heisse letztlich, dass «die Trägerinnen und Träger einer Tradition entscheiden, ob sie diese weitertragen wollen». Deshalb sei klar, dass weder das BAK noch die Unesco «Brauchtumsvorschriften» erlassen werden. Ebenso klar sei, dass es nicht darum gehe, Traditionen unter Schutz zu stellen und sie so im schlimmsten Fall «zu mumifizieren». Traditionen müssten sich aus sich selbst heraus erneuern: «Die Inventarisierung wirkt allenfalls indirekt auf die Traditionen.»

Holzschnitzer, Appenzeller Witze, Köhlern, Jassen, Maskenschnitzen, Volkstänze, Vereinswesen, Gebetsheilen, Zweisprachigkeit und Töfftreff. Zählt es wirklich zu den landestypischen Traditionen, wenn Hunderte von Motorradfahrern in Lederjacken über kurvige Bergstrassen brettern und sich bei einem Zwischenhalt – beispielsweise auf dem Hauenstein – ein Bier gönnen? Vitali plädiert für einen offenen, unvoreingenommenen und umfassenden Traditionsbegriff. Ein Wesenszug von Tradition sei, «dass etwas von Generation zu Generation weitergegeben wird». Ein diffuses Zugehörigkeitsgefühl schaffe keine Tradition. Nötig sei «eine klar auszumachende Trägerschaft». Tradition sei somit, was für eine konkrete Gruppe von Menschen Identität schaffe. Das sei beim Töfftreff Hauenstein klar der Fall: «Er ist für viele ein Kristallisationspunkt.» Donnerstag für Donnerstag treffen sich dort Liebhaber von zweirädrigen ­Boliden samt ihren Liebhaberinnen. Und das seit 1964.

Vitali legt den breiten Traditionsbegriff anhand eines anderen, mit Fragezeichen versehenen Beispiels dar. Die Schweiz hat für die Unesco-Liste ihren Umgang mit Lawinengefahren vorgeschlagen: «Auch dies ist durchaus berechtigt, das Thema steht für den tief in der Gesellschaft verwurzelten Umgang mit Risiken und Gefahren.»

Zwischen Tradition und Folklore

Die Verwunderung über einzelne Nominationen rührt laut Vitali auch daher, dass Tradition oft mit folkloristischem Brauchtum gleichgesetzt werde. Selbstverständlich werde das Brauchtum auf der Unesco-Liste viel Raum einnehmen. Dabei sei das «althergebrachte» Brauchtum oft viel jünger, als viele Schweizerinnen und Schweizer meinen. In der Tat. Auch völlig unbestrittene Kandidaten stehen zum Teil erst seit Jahrzehnten und keineswegs seit Jahrhunderten in der Blüte. Selbst das Alphorn war zu Beginn des letzten Jahrhunderts so gut wie vergessen. Erst ab 1930 tauchte es wieder häufiger auf, im Sog des sich entwickelnden Tourismus. Das heisst: Der Wunsch der Fremden nach alpenländischer «Authentizität» liess die Einheimischen wieder ausgraben, was sie an sich für passé hielten. Dieses symbiotische Verhältnis zwischen Tradition und Tourismus ist ziemlich delikat.

Auf der Liste der Kulturgüter ist auch der Töfftreff vom Hauenstein— seine Geschichte geht zurück bis in die 1960er- Jahre

Werber wittern Wettbewerbsvorteile

Schweizer Tourismuswerber zeigen grösstes Interesse an der Unesco-Liste der lebendigen Traditionen. Tourismusfachleute diskutieren angeregt über die Frage, wie die stärkere Vermarktung von Traditionen zu Wettbewerbsvorteilen und besserer Wertschöpfung führen könnte. Und die Vermarktungsorganisation «Schweiz Tourismus» will ab 2013 stärker mit schweizerischen Traditionen werben. Vitali verweist auf die Chancen: «Der Tourismus kann durchaus dazu beitragen, Traditionen zu erhalten – etwa alte Handwerkskünste oder traditionelle landwirtschaftliche Bewirtschaftungsformen.» Gleichzeitig gehe vom Tourismus die Gefahr aus, dass Traditionen vereinnahmt und auf einen ökonomischen Faktor reduziert werden. Vitali wehrt sich aber gegen die Verteufelung des Tourismus: «Bis zu einem bestimmten Grad sind viele Traditionen erst durch den Tourismus entstanden. Der Tourismus selbst ist eine Art schweizerischer Tradition.»

Wo in etwa die Grenze liegen dürfte, umriss kürzlich der Dozent und Tourismus­experte Urs Wagenseil: «Wenn auf der Kleinen Scheidegg eine Alphornformation spielt und dafür noch extra ein Sennenhund angekarrt wird, der davor sitzt, ist das in unseren Augen Kitsch. Und für einen Chinesen ist das dann die Schweiz live.»

Eine einzige Partei sagte Nein

Fragen wir im Tourismuskanton Wallis einen Exponenten der Schweizerischen Volkspartei (SVP): Wie haben Sie es denn mit der Tradition? Es gibt dazu allen Grund. Die SVP war nämlich die einzige Partei, die sich gegen die Ratifizierung der Unesco-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes stellte. Ist die konservative und sich stets auf Traditionen berufende SVP also gegen die Stärkung von Traditionen? «Ganz im Gegenteil», sagt der Walliser Nationalrat Oskar Freysinger. Nicht die Unesco-Liste sei das Problem, sondern der Umstand, dass die Schweiz hier einmal mehr im Begriff sei, «das Prinzip der freien Entscheidung» aufzugeben und sich stattdessen «den Zielen und Vorgaben einer supranationalen Institution unterordnet». Die SVP pocht also auf ihre «Tradition», in jeder Bindung mit internationalen Organisationen einen Souveränitätsverlust zu sehen. Zudem riecht für sie jedes staatliche Engagement für kulturelle Werte nach bevormundender «Staatskultur».

Selbstverständlich freut sich aber auch die SVP, dass die Reputation der Schwinger, Alphornbläser und Jasser aufgewertet werden dürfte. Tatsächlich gebe es in der Sache selbst keinen Grund, das Bundesamt für Kultur zu kritisieren, sagt Freysinger: «Die Zielrichtung stimmt. Was zusammengetragen wurde, ist reich und vielfältig.» Und die Grundthese, dass die Globalisierung die Wichtigkeit von Traditionen unterstreiche, stimme unbedingt. «Tradition ist essentiell. Denn die Globalisierung gibt vielen das Gefühl, das eigene Schicksal nicht mehr in den eigenen Händen zu haben. Da wird die Pflege und Rückbesinnung auf Wurzeln wichtig.» Allerdings lasse sich Tradition nicht inszenieren: «Wer nur Indianer spielt, ist kein Indianer. Künstlich präpariertes Brauchtum entfaltet keine Kraft.»

Volksmusik: mal mit Alphornbläsern nach den althergebrachten Vorstellungen,

mal neu interpretiert von Christine Lauterburg mit Schwyzerörgeli
Die umstrittene Marke der Schweizer Post zum 100-Jahre-Jubiläum des Eidgenössischen Jodlerverbands

Tradition trägt Werte weiter

Freysingers Formel: Aus Traditionen entstehen Werte, Werte geben Halt. Und Traditionen stehen für Dauer und Tiefe, statt für die blosse Aneinanderreihung von Augenblicken: «Der moderne Trend hin zu einem immer umfassenderen Zustand zeitloser Gegenwart schafft bloss die Illusion von Ewigkeit.» Die Tradition sei da ehrlicher: «Sie negiert den Tod nicht.» Sie lasse den Lebensprozess zu – aufkeimen, erblühen, verwelken, sterben: «Die Menschen vergehen, die Traditionen bleiben.» Worauf stützt er seine Sicht? Beispielsweise auf das Fête-Dieu, die Fronleichnamsprozession, in seinem Wohnort Savièse, «ein Riesending von unglaublicher Dynamik, das für weit mehr steht also für Religiosität, nämlich für Gemeinschaft, die um gewisse Werte gebaut ist.»

Im Frühjahr wird er übrigens seinen literarischen Beitrag zur Debatte über Traditionen liefern: Autor Freysinger siedelt seinen nächsten Roman in der Welt der Suonen an, jenen kunstvollen Bewässerungskanälen, die im Wallis entlang der Felswände gebaut werden. Der Bau von Suonen ist eine bemerkenswerte Tradition. Sie hat aber keinen Eingang auf die Unesco-Liste gefunden. Das spricht nicht gegen die Suonen, sondern unterstreicht bloss die unübersichtliche Vielfalt der schweizerischen Traditionen.

Die «Horlogerie», die Uhrmacherkunst, gehört ebenso zu den schützenswerten Traditionen der Schweiz
wie das «Fête-Dieu», die Fronleichnamsprozession, in Savièse im Kanton Wallis

Kühe, Kühe, nichts als Kühe

Während der Walliser Politiker schriftstellert, sitzt nördlich der Alpen Francis Oberson in seinem Atelier und malt mit einem winzigen Pinsel Kühe auf eine riesige Holzfläche. Oberson ist Poya-Maler. Er malt ausschliesslich Kühe. Seine Bilder landen nicht in Galerien. Sie zieren die Fassaden der Bauernhäuser im Greyerzerland. Oberson malt Kühe, die in Reih und Glied über schmale Serpentinen den Berg hochklettern, blumigen Alpweiden entgegen. Oberson malt eine idealisierte Welt: In der gemalten Szenerie stört keine Maschine, kein Linienflugzeug, keine touristische Infrastruktur. Was wirkt wie die idealisierte Wirklichkeit, sind realistisch gemalte Bilder des Unrealistischen, gemalte Erinnerung ans Gute. Was ist an diesen Bildern Tradition? Die Poya-Malerei sei Kunst, aber keine persönliche Kunst. Sie gehöre nicht dem Künstler, sondern der Region, in der sie lebendig sei. Oberson: «Wenn du ein Bild für einen Bauern malst, dann lebt dieser mit.» Für Oberson ist also nicht die Vermittlung von Wissen und Werten von einer Generation zur nächsten das Entscheidende, sondern die unbedingte Verbindung mit einem Ort. Poya-Bilder könne nur malen, wer hier seine Wurzeln habe. Er selber habe zunächst neun Sommer lang Kühe beobachtet und gezeichnet, bevor er sich als Poya-Maler verstand. Seither ist Malen für ihn «wie ein Gebet», wie ein Versuch «das Licht des Greyerzerlandes einzufangen», wie eine Aufforderung zur Langsamkeit.

Der Einspruch der Jodlerin

Das Bundesamt für Kultur will wie bereits erwähnt keine «Mumifizierung» von Traditionen und wirbt für einen offenen Traditionsbegriff. Traditionen – das folkloristische Brauchtum eingeschlossen – stehen praktisch unwidersprochen als schöne, farbige, bereichernde und auch bedeutende gesellschaftliche Klammern da. Das wachsende Interesse des urbanen Publikums an archaischen Traditionen wie dem Schwingen untermauert die These. Dass sich ab und zu auch ein ganz unbäuerischer Banker ein Poya-Bild bestellt, ebenso. Allerdings gibt es kritische Stimmen, die das einmütige Bild infrage stellen. Die Berner Musikerin und Sängerin Christine Lauterburg etwa leidet nach eigenem Bekunden schon länger an allzu verbissener Traditionspflege: Als Jodlerin, die zwar altes Liedgut pflege, dieses aber immer auch mit moderner Musik verbinde, sei sie ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Lauterburg: «Es gibt einen engen Kreis von Traditionshütern, die beinahe in einer abgeschotteten Parallelwelt leben, im heiligen Gral der Volksmusik. Und dort ist es recht eng und sehr wenig lustig. Das wirkt nicht verbindend, sondern ausgrenzend.» Sie vermutet, dass die «reaktionären Tendenzen» und die Vereinnahmung der Volkskultur innerhalb der Traditionen nirgends so ausgeprägt sind wie beim Jodeln.

Lauterburg, dem «Enfant terrible» des Volksgesangs, der «Techno-Jodlerin», liegt allerdings nichts an einem Machtkampf mit dem Schweizerischen Jodlerverband, der über das «korrekte» Jodeln wacht: «Ich habe bloss keine Lust, Volksmusik freudlos zu ­exerzieren. Ich will einfach aus dem Moment heraus zu einer Volksmusik beitragen, die sich verändert, die lebt, die lacht.» Sie wolle beispielsweise, auch wenn die Traditions­hüter finden, das liege gar nicht drin, «jodeln und mich gleichzeitig mit der Violine ­begleiten dürfen». Statisches und unveränderbares Brauchtum interessiere Christine Lauterburg nicht.

Abgestempelt

Aber die Berner Jodlerin provoziert selbst dann, wenn sie gar nichts tut. Sie wurde ­anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums des Eidgenössischen Jodlerverbands (2010) auf ­einer Jubiläumsbriefmarke der Schweizerischen Post verewigt – etwa elf Millimeter klein, aber längstens gross genug für ein lärmiges Skandälchen und harsche Reaktionen ­seitens der traditionellen Jodler: eine ­Abtrünnige, geadelt als Briefmarkensujet! Es war «ein Höllenpuff», sagt Lauterburg. Trotz negativer Erfahrungen hofft sie für die Zukunft auf eine Traditionspflege, «die auch wirklich Spass macht, die Jungen einbezieht, das Verbindende betont und das Ausgrenzende ablegt».

Momentbezogenes Bild

Die Reibungsflächen, die Lauterburg ­beschreibt, ändern nichts daran, dass das ­Jodeln zweifelsfrei zum «immateriellen Kulturerbe» der Schweiz gehört. Für die Unesco-Liste taucht diese Ausdrucksweise gleich in zwei Varianten auf: mit dem Juuz aus der Zentralschweiz und dem Naturjodel aus dem Appenzell und dem Toggenburg. Warum sind es genau diese zwei Varianten? David Vitali vom Bundesamt für Kultur sagt, dass mit der Unesco-Liste trotz aller Sorgfalt «ein sehr momentbezogenes Bild» vorliege: «Sie ist überhaupt nicht in Stein ge­meisselt.» Ziel sei es, sie periodisch zu überarbeiten und so die Debatte über Traditionen und ihren Wert wach zu halten.

Ob sie es also wollen oder nicht: Die Frage, wie sie es denn mit der Tradition halten, wird die abtrünnige Jodlerin, den Maler, der ausschliesslich Kühe malt, und den schriftstellernden Politiker wohl ein Leben lang begleiten.

MARC LETTAU ist Redaktor der «Schweizer Revue»

Kommentare zum Thema

1.2.2012, 19:17 Uhr von Anton Huggler

Traditionen

Habe den gut geschriebenen Artikel genossen. Endlich einmal ein Autor der sich nicht mit Anglizismen zu schmuecken sucht. Einzige Entgleisung: "...essentiell" aber das scheint ja auch aus dem Mund von Freysinger zu stammen. Mir stoesst [...] mehr...

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EINE WELT VOLLER TRADITIONEN

Chinesische Kalligraphie, spanischer Flamenco, balinesische Tempeltänze oder castanicoltura, Zibelemärit und Fondue: Die Unesco will, dass solch «immaterielles Kulturerbe» in seiner ganzen vielfalt lebendig bleibt. Die Schweiz hat nebst 94 weiteren Staaten die resolution der Unesco zum Schutz und zur Förderung der vielfalt kultureller Ausdrucksformen unterzeichnet. Sie muss deshalb bis im April 2012 der Unesco einen Bericht zur Lage der kulturellen Vielfalt vorlegen. Um eine breite Diskussion zu ermöglichen, spricht das Bundesamt für Kultur lieber von «lebendigen Traditionen» als von «immateriellen Kulturgütern». Am ziel ändert diese Sprachregelung nichts: Auch die Schweiz will zu einem Gesellschaftlichen Klima beitragen, in dem Traditionen gewürdigt und gepflegt werden. (muL)

Die vollständige Liste aller 167 berücksichtigten Traditionen unter: www.bak.admin.ch