Zurück ins Familiendrama

«Er beschloss, nicht mehr an seine Heimat zu denken.» Dies tut der junge Protagonist im Frühjahr 1967 in Hamburg. Doch wenig später wird er jäh aus seinem Studentenalltag herausgerissen, ein Fernschreiben seiner Tante Rósa erreicht ihn. Jón kehrt auf einem Frachtschiff in seine Heimat, die Insel Island, zurück. Seine Mutter liegt im Sterben und möchte ihm das lange gehütete Familiengeheimnis anvertrauen. Doch Jón kann sich nach der Todesnacht nur an ein einziges Wort, nämlich Baum, erinnern. Als ihm klar wird, dass es sich dabei um den exotischen, vom Grossvater gepflanzten Götterbaum handelt, nehmen die Dinge einen rasanten Fortgang. Am Fuss des Baumes findet Jón beim Graben einen Totenschädel und dann ein ganzes Skelett. Sind dies die Überreste seines Vaters, der 1942 gemeinsam mit dem Bezirkspräsidenten im Gletscherfluss ertrunken sein soll und deren Leichen nie gefunden wurden?

Gekonnt skizziert und charakterisiert Joachim B. Schmidt in seinem Roman «Am Tisch sitzt ein Soldat» die Figuren: Tante Rósa, die sich auf sehr resolute Art um den geistig behinderten Bruder von Jón kümmert, oder die Schafbauern, die dem kargen kalten Land Leben abringen und sich im langen, dunklen Winter in selbstgebrannten Schnaps flüchten. Liebevoll wird die Vaterfigur gezeichnet, so, wie sie ein Zweijähriger eben in Erinnerung haben kann. Der Protagonist muss sich nicht nur mit den dunklen Geheimnissen seiner Familie auseinandersetzen, sondern auch mit den Schwierigkeiten der Menschen, die abgeschieden mitten im nördlichen Atlantik leben. Geschickt wechselt der Autor die Erzählebenen zwischen der Vergangenheit, als sich 1942 das Familiendrama abspielte, und den Sechzigerjahren. Der Ausgang der Geschichte mag etwas überladen wirken, aber darin widerspiegelt sich auch die Fabulierlust des Autors.Eigentlich ist es ein Entwicklungsroman, in dem der Protagonist zum Schluss nach Hamburg zurückkehrt und mit seiner Herkunft Frieden schliessen kann.

Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden und auch dort aufgewachsen, lebt seit acht Jahren auf Island. Heute arbeitet der gelernte Hochbauzeichner als Journalist und Schriftsteller. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich auch schon als Gärtner oder Knecht. Die Wahlheimat des Auslandschweizers ist zentral in seinen Geschichten – die erste veröffentlichte er im Jahr 2010, seinen ersten Roman, mit dem Titel «In Küstennähe», 2013. Man wünscht sich, noch weitere dieser dicht gewobenen Geschichten aus Island lesen zu können.

ruth von gunten

Joachim B. Schmidt:

«Am Tisch sitzt ein Soldat»; Landverlag Langnau, 2014; 360 Seiten; CHF 33.90; Euro ca. 26; www.joachimschmidt.ch

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