Wenn Heidi wirklich gelebt hätte ...

Mit «Maja» und «Rosmarin» setzte Ina Jens dem Domleschg ein authentisches literarisches Denkmal – im fernen Chile.

Das Beispiel der Bündner Schriftstellerin Ina Jens zeigt sehr schön, wie der Blick aus einem anderen Land, ja einem anderen Kontinent dazu führen kann, dass die Heimat, die jemand verlassen hat, auf eine ganz besonders intensive, von Sehnsucht genährte Weise zu Literatur wird. Am 22. Oktober 1880 in Thusis geboren, absolvierte Claudia Cadisch das Lehrerseminar Chur und fand nach einem Vikariat in Wattwil ein erstes Betätigungsfeld an der deutschen Auslandsschule der bulgarischen Stadt Rustschuck. Dort heiratete sie den deutschen Lehrerkollegen Carl G. Werkmeister und wurde 1907 mit ihm zusammen an die Deutsche Schule im chilenischen Concepción verpflichtet. 1916 zogen die beiden nach Viña del Mar bei Valparaíso, wo bis 1923 ihr Mann und danach 22 Jahre lang Claudia Werkmeister-Cadisch selbst die Deutsche Schule leitete.

Hier nun, in der mondänen Stadt am Pazifik, erwachte in ihr das Heimweh nach Graubünden, und so verfasste sie unter dem Pseudonym Ina Jens ein Buch mit Erinnerungen an ihre Kindheit im Domleschg. Sie schickte das Manuskript nach Basel zum Reinhardt-Verlag, wo der Erstling 1926 erschien.

Eigentlich kein Jugendbuch

Das Buch wurde sogleich der Jugendliteratur zugerechnet, obwohl es erst dem erwachsenen, für Nostalgie empfänglichen Leser seinen ganzen Zauber enthüllt. Unter dem schlichten Titel «Maja» war da in einprägsamen Bildern und Erlebnissen die Kindheit des gleichnamigen Bündner Mädchens dargestellt, das just in jenen Jahren im weltabgeschiedenen Domleschg heranwächst, als Johanna Spyris Heidi-Bücher entstehen. Aber alles, was in jener Heidi-Welt an Sentimentalität und romantischer Beschönigung zutage tritt, findet hier sein Gegenstück in einer nüchtern gezeichneten, eher prosaischen Atmosphäre, in einer glaubwürdigen, psychologisch einfühlsamen Figurencharakterisierung und in einem unverkrampften, selbstverständlichen Umgang mit den Bildern und Motiven der volkstümlichen alpinen Erzählung. Waren die Heidi-Bücher von einer romantisierenden Städterin geschrieben, so wirkte «Maja» als ein Zeugnis eigenen Erlebens und Erinnerns unmittelbar echt und authentisch.

Das Buch wurde zu einem vielbeachteten Erfolg, und schon zwei Jahre später setzte Ina Jens die Erzählung von Majas Kindheit mit dem künstlerisch ebenbürtigen Band «Rosmarin» fort. Dann, zwischen 1935 und 1941, ging sie dazu über, in Bänden wie «Mirasol», «Manuelitos Glücksfall», «Unter chilenischem Himmel» oder «Hannelores Urwaldwinkel» Stoffe aus ihrer südamerikanischen Wahlheimat zu bearbeiten und den kleinen europäischen Lesern nahezubringen. Aber obwohl ihr auch da ab und zu noch ein Glanzstück gelang, erreichten diese chilenischen Erzählungen insgesamt die Dichte und Glaubwürdigkeit der Domleschger Erinnerungen nicht mehr. So exotisch der chilenische Schauplatz daherkommt: Es fehlt den Texten jene Innigkeit und Leuchtkraft, wie sie das Heimweh in die Geschichte vom Mädchen Maja hineingezaubert hat.

Ina Jens starb, durch den Tod des einzigen Sohnes innerlich gebrochen, am 17. Januar 1945 mit 65 Jahren völlig vereinsamt in Valparaíso, ohne ihre Heimat je wiedergesehen zu haben.

«Da lachte die Grossmutter, fuhr noch einmal über den Rosmarin, sog den herben Geruch davon aus ihren Händen ein und sagte: ‹Das ist auch wieder so etwas Eigenes. Jedes Menschen Seele braucht ihren besonderen Duft, um die Vergangenheit lebendig zu machen, und der meine ist nun einmal Rosmarin. Wenn du älter bist, wirst du das auch noch erleben und verstehen.›»

(Aus: «Rosmarin», Basel, 1928, vergriffen)

Kommentare (2)
  1. Yvonne Heynen Yvonne Heynen am 24.07.2015
    Me da muchas ganas de leer "Maja", parece relindo libro!
  2. Rose-Marie Fattebert Rose-Marie Fattebert am 26.07.2015
    A mí tambien me parece muy bonito el libro "Maja" me gustaría leerlo

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