Das Märchen vom letzten Gedanken

Edgar Hilsenrath «Das Märchen vom letzten Gedanken» ist 2006 in Deutsch bei dtv erschienen.

Das in Französisch neu aufgelegte Buch «Das Märchen vom letzten Gedanken» von Edgar Hilsenrath wurde in Frankreich in den höchsten Tönen gelobt. Zu Recht! Der Autor – deutscher Jude, 1926 in Leipzig geboren – hat einen Roman in Form eines Märchens geschrieben. Dies als Hinweis auf die Tatsache, dass die meisten, die die Ereignisse 1915 in der Türkei erlebt haben, nicht mehr selbst davon erzählen können. Kurz vor seinem Tod erhält der 73-jährige Armenier Thomva Khatisian Besuch von dem Erzähler Meddah, der ihm seine eigene tragische Geschichte erzählt.

Edgar Hilsenrath verwendet groteske und humoristische Elemente und lässt in dieser Erzählung das Leben der türkischen Armenier vor der Katastrophe von 1915 wieder aufleben. Der Autor versetzt uns in ein anatolisches Dorf und lässt uns in das Leben der armenischen Gemeinde eintauchen. Die Höhenzüge werden von den Kurden kontrolliert, die Armenier zahlen ihnen Steuern, damit ihre Töchter nicht entführt werden. In den Städten sind die armenischen Handwerker für ihre Geschicklichkeit bekannt. So sehr, dass viele Türken nach dem Massaker ihr Verschwinden beklagen. Wo ist der Schneider? Wo der Gemüsehändler? Die Armenier dienen wie die Juden in Deutschland als Sündenbock. In den Städten und Dörfern geht die Angst vor Massakern – «tebk» – um. Hilsenrath zeigt uns die Schutzlosigkeit dieser christlichen Bevölkerungsgruppe, die keine Waffen tragen darf. Als der türkische Staat das Zeichen zur Deportation gibt, sind die Armenier auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Wie in Hilsenraths anderen Werken ist die Welt in «Das Märchen vom letzten Gedanken» nicht schwarz-weiss. Es gibt Türken, die ihren armenischen Landsleuten zu Hilfe kommen. Die Bevölkerung befindet sich im Zangengriff eines Staates, der Ängste instrumentalisiert – die Angst vor einer fünften armenischen Kolonne, die mit den Russen gemeinsame Sache machen könnte. Der Roman ist brutal: schwangere Frauen, die auf endlose Märsche in die Wüste Mesopotamiens geschickt werden und verdursten. Aber nicht nur das, er zeigt auch das sinnliche Leben der armenischen Gemeinde vor der Katastrophe. «Hayastan? Dort wo die Berge die Wolken berühren (...). Wo es Fettschwanzschafe gab, Schaffleisch und Joghurt. Erinnerst du dich an diesen Joghurt, den Grossmutter madsoun nannte? (...) ». So geht das Märchen, das Thomva Khatisian kurz vor seinem Tod erzählt wird.

Stéphane Herzog

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