Glaube, Liebe und Hoffnung

Nicht nur, wenn Rachel Harnisch singt, hört man viele Zwischentöne. Erzählt die Schweizer Sopranistin von ihrem Leben, deutet sie in kurzen Worten viel an – Abgründe und Höhenflüge. «Was ich mache, muss zu mir, zu meiner Seele passen», sagt sie. «Ich war einst auf dem Sprung nach ganz oben, hielt den Druck und die Oberflächlichkeiten meines Berufes aber nicht aus und wurde krank.» Damals wollte sie aufhören zu singen.

Kaum hatte die 1973 in Brig geborene Sängerin ihr Studium in Freiburg im Breisgau beendet, war sie im Jahr 2000 mit Mitte zwanzig bereits Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper geworden. Noch nicht lange dort, erhielt sie auch externe Angebote für grosse Partien und verliess das berühmte Haus postwendend wieder. Danach fragte der damalige Zürcher Opernhausdirektor Alexander Pereira sie an, ob sie bei ihm Ensemblemitglied werden möchte. Harnisch lehnte ab. In der Folge hörte sie nie mehr etwas von ihm. Harnisch blieb gelassen, zu oft hatte sie gesehen, wie nah auf ihrem Niveau Ruhm und Niederlage beieinanderliegen.

Kaum war Pereira weg aus Zürich, wurde sie 2013 im Opernhaus Ensemblemitglied – dafür verlegte Harnisch ihr Leben nach Zürich. Das künstlerische Glück hielt jedoch nicht lange an, nach nur drei Jahren wurde der Vertrag nicht verlängert. Doch mittlerweile war sowieso ein ganz anderes Glück in ihr Leben eingezogen, ihre zwei Kinder. Sie brachten die Karriere prächtig durcheinander – und erneut auf gute Bahnen. Harnisch sang in Berlin die Titelrolle in einer grossen Opern-Uraufführung von Komponist Aribert Reimann, in Antwerpen triumphierte sie vor einem Jahr in einer Janacek-Oper.

Und plötzlich sind da auch wieder Alben von ihr: das Sopransolo in Mahlers 4. Sinfonie etwa, und vor allem Paul Hindemiths Liedzyklus «Marienleben». Die Idee zur Aufnahme geht zurück ins Jahr 2012, damals war «Glaube» das Thema des Lucerne Festival. Passend dazu trug Harnisch Hindemiths Werk vor. 2014 fing man die Luzerner Kirchenzauber-Stimmung schliesslich im Radiostudio Zürich perfekt ein. Harnisch interpretierte die in Töne gesetzten Verse von Rainer Maria Rilke mit Nachdruck und sang die Lieder mit marienhaft schön bebender Stimme – nun nachzuhören auf ihrer neuen CD.

Christian Berzins

Rachel Harnisch: Paul Hindemith, «Marienleben», Naxos, 2017.

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