Ein Teil der Alpen wird ohne Schnee leben müssen

In den Schweizer Alpen gerät der Wintertourismus durch die Klimaerwärmung unter Druck. «Wir müssen zu einem anderen Modell übergehen», so die Warnung des Walliser Forschers Christophe Clivaz, der auf eine «Präsenzwirtschaft» setzt.

Viele Schweizer Skiorte müssen wegen Schneemangel auf Kunstschnee zurückgreifen. Foto Keystone

Die Klimaerwärmung bedingt in der Schweiz, dem Land der 1500 Skilifte und Seilbahnen, für viele Skiorte schon seit mehreren Jahren eine Wintersaison mit wenig oder überhaupt keinem Schnee. «Am Mont-Noble, einem kleinen Skiort oberhalb von Sitten, konnten wir dreimal hintereinander an Weihnachten nicht öffnen. Wenn das dieses Jahr so weitergeht, lohnt es sich dann überhaupt, weiterzumachen?», fragt sich zum Beispiel der Forscher Christophe Clivaz. Er vertritt die Stadt Sitten im Rat der Gemeinde Mont-Noble. Zudem ist er Co-Autor eines populärwissenschaftlichen Werks über die Herausforderung, vor der die Wintersportbranche durch den Klimawandel steht.

Es sieht eher schlecht aus für einen Teil der Skiorte, vor allem für die in mittlerer Höhe, von denen einige ohne massive Investitionen voraussichtlich nicht weiterbestehen können. Wie aus einem Bericht des Kantons Waadt von 2013 hervorgeht, wird dieser «nach und nach auf die sensibelsten Skigebiete» verzichten. Generell haben das Tessin, der Kanton Uri und das Wallis besonders mit dem «Rückgang» des Schnees zu kämpfen, so die Studie weiter.

Künstliche Beschneiung als Ausweg?

Clivaz, der am Institut für Geografie und Nachhaltigkeit der Universität Lausanne unterrichtet, setzt auf die Entwicklung eines anderen Wirtschaftsmodells – der «Präsenzwirtschaft» – für die Berge, dort, wo der Tourismus in manchen Orten bis zu 30 Prozent der Wertschöpfung ausmacht. Nun kommt aber dieser Prozess, ausser in Graubünden, «dessen Anpassungsfähigkeit besonders stark ausgeprägt scheint», nur schwer in Gang. «Wir stellen fest, dass Gemeinden, die künstliche Beschneiung und neue Skiinfrastruktur befürworten, den Betrieben unter die Arme greifen. Jeder kleine Skiort nimmt dem anderen auf diese Weise die Kunden weg, während insgesamt immer weniger Menschen Wintersport betreiben», so die Analyse des Tourismusexperten. Und was ist mit den gigantischen Immobilienprojekten in Aminona und Andermatt? Für den Autor sind diese «für die Wintersaison gemacht und gehören in eine andere Zeit».

Die Skiorte im Hochgebirge – wie zum Beispiel Zermatt – leiden weniger unter der Klimaerwärmung. Sie könnten zum Ziel von Skifahrern aus ganz Europa werden, die sonst nirgends Schnee finden, und so ihre Existenz sichern. «Jene Skigebiete, die den grössten Teil des Branchenumsatzes generieren, werden auch in Zukunft schneesicher bleiben», so die Aussage der Studie.

Attraktivität der Sommerfrische

Christophe Clivaz plädiert dafür, «ein Programm für einen Investitionsstopp in der Skilift-Infrastruktur zu entwickeln, um zu einer Präsenzwirtschaft überzugehen». In diesem Modell, so der Vorschlag des Wallisers, könnte das Dorf Nax unterhalb des Skiortes Mont-Noble zum Beispiel das ganze Jahr über für einen Kurztrip von Erholungsuchenden aus der Region oder von ausserhalb werden, und darüber hinaus zum Wohnort von Stadtbewohnern. Ausserdem könnten die Alpen weiterhin Rückzugsorte der Sommerfrische bleiben, die umso begehrter werden dürften, da die Sommer am Meer künftig immer heisser würden, betonen Clivaz und seine zwei Co-Autoren in der Studie.

Auch die Arbeitswelt ist im Wandel und ermöglicht es Wintersportgebieten wie Verbier, zum Wohnort von Menschen zu werden, die via Internet vom Homeoffice aus arbeiten. Christophe Clivaz stellt auch die Frage, ob das Interesse, im Tourismus zu arbeiten, noch da sei. «Ausser in Zermatt, wo der Tourismus Tradition hat, raten viele Walliser Eltern ihren Kindern davon ab, diese Laufbahn einzuschlagen.» Zahlreiche originelle Initiativen in den Bergen wurden dagegen von jungen Ausländern auf die Beine gestellt. Zwei Beispiele, die der Walliser Professor nennt, sind ein Bed & Breakfast im Stroh, das von einer Engländerin in Saxon geführt wird, oder Scheunen für höchste Ansprüche, die im Weiler Commeire von Belgiern angeboten werden.

Die Studie führt übrigens an, dass die Tourismusbranche mit zu den Verursachern des Klimawandels, also des Problems, gehört. 1998 war sie für 5,2 Prozent der Treibhausgasemissionen des Landes verantwortlich.

Christophe Clivaz, Camille Gonseth und Cecilia Matasci: «Tourisme d’hiver. Le défi climatique» («Skitourismus. Klima als Herausforderung»). Presses polytechniques et universitaires romandes.

 

 

Kommentare (1)
  1. Bertiz Benhamid Bertiz Benhamid vor 3 Wochen
    If a species can adapt to a changing environment, why should it be impossible for humans?

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