«Wir liefern den Gegenentwurf zu den gigantischen Inszenierungen»

Er wirbt mit Verve für bescheidenere, ehrlichere Olympische Spiele. Beim Einsatz für die Olympiakandidatur «Sion 2026» ist dem Berner Ständerat Hans Stöckli aber klar: Wer in der Schweiz olympisches Feuer entfachen will, braucht sehr gute Argumente.

Hans Stöckli ist Sozialdemokrat und Berner Ständerat. Der Jurist und frühere Bieler Stadtpräsident ist auch Vizepräsident des Vereins «Sion 2026» und als solcher verantwortlich für die Nachhaltigkeitsagenda der Olympiakandidatur. Fotos Keystone

«Sion 2026» will für spektakuläre Bilder sorgen, die in die Welt hinausgetragen werden, aber zugleich die Debatte anschieben, wie sich der Tourismus und der Alltag im Alpenraum nachhaltig entwickeln können. Im Bild: Didier Defago bei der Olympia-Abfahrt 2010.

Olympische Spiele fanden erst zweimal in der Schweiz statt – 1928 und 1948, jeweils in St. Moritz.

Hans Stöckli, wir haben Sie bisher als leidenschaftlichen Politiker, nicht aber als den begeisterten Sportsfreund wahrgenommen. Haben wir Ihnen Unrecht getan?

Sie haben zumindest Wichtiges übersehen. Ich habe als Stadtpräsident von Biel das zurzeit modernste Eishockey- und Fussballstadion der Schweiz, die Tissot Arena, realisiert und den grössten schweizerischen Sportanlass, das Eidgenössische Turnfest 2013, in die Stadt geholt. Auch habe ich achtmal zusammen mit meiner Frau den 100-Kilometer-Lauf von Biel gemeistert. Schliesslich bin ich stolzer Besitzer eines Abonnements für die Wintersportanlagen in Saas-Fee bis zur Saison 2030/2031. Ich werde also bis mindestens 80 auf der Skipiste anzutreffen sein.

Ein Skilift-Dauerabonnement erklärt aber noch nicht, warum Sie sich für Olympische Spiele ins Zeug legen.

Für Olympia liess ich mich auch nicht auf der Piste begeistern, sondern durch Fränk Hofer, den Direktor des Eidgenössischen Turnfests. Seine Grundidee, die mich überzeugte: Wenn die Schweiz sich überhaupt für Olympische Winterspiele bewerben will, muss sie dies mit einem Projekt tun, das landesweit die besten bestehenden Infrastrukturen berücksichtigt – unabhängig von kantonalen Grenzen. Mein erster Beitrag war in der Folge lediglich die Fusion der Olympiapläne im Wallis und Waadtland mit jenen im Kanton Bern zu einem Entwurf mit nationalem Ansatz. Daraus ist «Sion2026» entstanden.

Warum tun Sie das? Als Sozialdemokrat müssten Sie doch hören, wie sehr Ihre Genossinnen und Genossen vor dem olympischen Gigantismus warnen?

Sie warnen absolut zu Recht! Und «Sion 2026» ist eine klare Absage an die negativen Erfahrungen mit den letzten Olympischen Spielen.

Wir glauben zu wissen, was jetzt kommt: weil Sie alles viel besser machen werden?

Wir können sehr konkret sagen, was anders – und besser – wird, wenn «Sion 2026» den Zuschlag bekommt. Wir werden ganz dezidiert die Ziele umsetzen, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) in seiner Agenda 2020 selber formuliert hat: dezentrale und bescheidenere Spiele, Spiele, für die in aller erster Linie bestehende Anlagen genutzt werden, Olympische Winterspiele dort, wo auch tatsächlich der Schnee fällt.

Sie nehmen also das IOC beim Wort und setzen ganz auf dessen Nachhaltigkeitspolitik?

Ja, wir werden mit aller Konsequenz auf Nachhaltigkeit setzen, auch hinsichtlich der Kosten. Wir sagen von allem Anfang an, dass wir uns nicht verbiegen werden. Für unsere Kandidatur gilt: so oder gar nicht, take it or leave it! Es gibt auch keinen Grund, sich zu verbiegen. Folgt nämlich das IOC seiner eigenen, neuen Politik, dann ist unsere Kandidatur eine hervorragende. Knickt das IOC ein und erliegt es wieder der Verlockung, auf ungeheuer teure Spiele in den grossen Hauptstädten der Welt zu setzen, dann sind wir sowieso chancenlos.

Es klingt wie ein etwas billiger Roman: Die edlen Ritter aus der Schweiz säubern den olympischen Gedanken…

Es ist nicht so, dass wir dem IOC diktieren, wie die Weichen zu stellen wären. Es ist vielmehr so, dass das IOC sehr genau weiss, dass unsere Kandidatur dazu taugt, der olympischen Bewegung Sinn und Wahrhaftigkeit zurückzugeben. Anders gesagt: «Sion 2026» zeigt auf, wie die vom IOC selber formulierte Nachhaltigkeitsagenda überhaupt umgesetzt werden kann. Scheitert «Sion 2026», wäre das auch fürs IOC, welches bekanntlich seinen Sitz in Lausanne hat und somit im Perimeter unseres Projekts ist, eine schallende und nur schwer verdauliche Ohrfeige.

«Olympia» wieder mit Sinn und Wahrhaftigkeit füllen: Wie will «Sion 2026» dieser gewaltigen Ansage konkret gerecht werden?

Indem wir nicht bloss von einer Olympiakandidatur reden, sondern von einem Generationenprojekt. Wir müssen in einem Zeitraum von 20 Jahren denken, von heute bis ins Jahr 2036. In diesem Zeitraum müssen wir einerseits die Spiele selbst nachhaltig ausgestalten und erfolgreich durchführen und gleichzeitig alles tun, dass die Wirkung vor, während und insbesondere über die Spiele hinaus fruchtbar bleibt. Das heisst etwa konkret, dass wir energetisch hervorragende und praktisch CO2-neutrale Lösungen planen. Das heisst auch, dass wir Verkehrslösungen mit der Bahn als Hauptverkehrsträger planen. Und es heisst eben, praktisch ausschliesslich bestehende Infrastrukturen für den Sport und die Freizeit zu nutzen.

Energetische und ökologische Überlegungen vor einem Grossanlass sind eher eine Selbstverständlichkeit und noch kein «Generationenprojekt».

Wir streben weit mehr an und können die Kandidatur nur verteidigen, wenn sie in zahlreichen Bereichen eine positive Wirkung hat. Wir müssen mit unserer Olympiakandidatur helfen, in der Schweiz eine grundsätzliche, positive Entwicklung anzuschieben. Wir reden also keineswegs nur über Sport. Unsere Fragen sind: Wie kann das Leben im Alpenraum gesichert werden? Wie entwickelt sich der Ganzjahrestourismus? Wie können Innovationen die Wirtschaftskraft stärken? Wie kann unser Generationenprojekt auf den Gesundheitsbereich, die Energiestrategie, aufs Kulturleben einwirken? Welchen Beitrag können die Spiele an die Integration leisten?

Ihnen liegt also an Erneuerung und Aufbruch. Aber warum braucht es dazu das schwerfällige Vehikel namens «Olympia»?

Sehr spannende Frage. Mich prägt da eine bereits gemachte Erfahrung. Ich durfte im Zuge der Landesausstellung Expo.02 bereits einmal einen derartigen Entwicklungsschub mitgestalten. Seither bin ich zutiefst überzeugt, dass nur dank solcher Grossprojekte viele Entwicklungen und Zusammenarbeitsformen entstehen oder beschleunigt und verstärkt werden. In die Kandidatur «Sion 2026» sind fünf Kantone und 22 Städte und Gemeinden eingebunden. Das ist organisatorisch extrem anspruchsvoll. Aber es bietet auch eine riesige Chance, weil Grossereignisse eine vereinigende Kraft entwickeln. Nur heisst das auch: Olympische Spiele allein fürs Wallis reichen nicht aus, es braucht ein die ganze Schweiz berührendes Ereignis.

Rückhalt für Olympische Spiele gibt es in der Schweiz nur, wenn die ökologischen Bedenken ausgeräumt sind. Niemand will Eingriffe à la Sotschi im Alpenraum.

Beispiele wie Sotschi sind für uns eine riesengrosse Hypothek. Wir aber haben in der Tat sehr gute Argumente und können bereits überzeugende Fakten vorlegen. Unser Projekt lässt sich zu 80 Prozent auf bestehenden Anlagen umsetzen und die Ausnahmen sind benannt: In Kandersteg wird man eine provisorische Grossschanze bauen müssen. Zudem braucht es eine Anlage für den Eisschnelllauf, denn diese Sportart hat in der Schweiz keine grosse Tradition, was schade ist: Da liessen sich leicht Medaillen gewinnen.

Und wenn «Sion 2026» den Zuschlag erhält, passiert das Unausweichliche: Unter Druck gehen die hehren Prinzipien vergessen und es finden ganz gewöhnliche, also untragbare Spiele statt?

Wo Parlaments- und Volksentscheide vorliegen, ist man wesentlich resistenter gegenüber Druckversuchen – auch vom IOC. Darum sind solche demokratischen Entscheide so wichtig. Vor allem aber gilt: Wir ziehen mit unserem Projekt eine ganz markante rote Linie, die wir nicht überschreiten dürfen, weil wir sonst unsere Glaubwürdigkeit verlieren würden.

Die Stimmberechtigten haben in der Schweiz schon etliche Olympiaprojekte versenkt. Verunsichert Sie dies nicht?

Nein. Im Wallis haben die Stimmberechtigten schon drei Mal Ja gesagt zu Olympischen Spielen. Zudem freut sich jeweils die ganze Schweiz an Olympischen Medaillen. Also zeigen wir der Welt, dass wir in der demokratischen Schweiz finanzierbare und einfache, bescheidene und gleichzeitig sportlich hervorragende Olympische Winterspiele durchführen können. Wir müssen den Gegenentwurf zu den gigantischen, masslos überteuerten Inszenierungen liefern.

Zur Prognose, wir vermuten: Kriegt «Sion 2026» den Zuschlag, wird die Schweiz wieder keine Medaillen im Eisschnelllauf gewinnen. Was gewinnt sie denn?

Sie gewinnt Ansehen als Nation, die eine perfekte Gastgeberrolle spielen kann. Sie gewinnt Vertrauen, weil sie mit den Spielen hohen Nachhaltigkeitsversprechen gerecht wird. Und sie gewinnt Anerkennung, weil sie das ohne jede Budgetüberschreitung schaffen wird. 

www.sion2026.ch

Zwischen Vision und Opposition

Mit «Sion 2026» liegt ein Konzept für bescheidenere Olympische Winterspiele vor. Statt alles auf einen Austragungsort zu konzentrieren und dort neue und nur kurzzeitig genutzte Infrastrukturbauten hochzuziehen, will «Sion 2026» bestehende Sportstätten in den Kantonen Wallis, Waadt, Freiburg, Bern und Graubünden zu einem Gesamtkonzept – und zu einem umfassenden Nachhaltigkeitsprojekt verknüpfen. Noch sind die Erfolgschancen von «Sion 2026» offen, zumal verschiedene Volksentscheide anstehen und die Skepsis der Schweizerinnen und Schweizer gegenüber Olympischen Spielen im eigenen Land zuweilen beträchtlich ist. Im Frühling dieses Jahres haben etwa die Bündnerinnen und Bündner die Pläne für eine eigene Olympiakandidatur an der Urne klar verworfen und die Liste der im Land gescheiterten Kandidaturen verlängert. Vom Volk verworfene Olympiapläne finden sich etwa in Zürich (Volksabstimmung von 1969), Bern (1969, 2002), im Wallis (1963), in der Waadt (1986) und – bereits vor dem diesjährigen Nein – in Graubünden (1985, 2013). «Sion 2026» muss also mindestens zwei Hürden schaffen: jene im eigenen Land und jene im Zuge der Ausmarchung mit den Konkurrenten. (MUL)

Kommentare (3)
  1. SACHA STUDER SACHA STUDER am 21.09.2017
    DAS SEHEN WIR DANN in 100 Jahren, HAUPTSACHE ES WURDE DEMOKRATISCH ABGESTIMMT UND DIE ES INTESSIERT KONNTE IHRE MEINUNG VERTRETTEN.ICH FREUE MICH FÜR DIE WELSCHSCHWEIZER, DAS HATTE SEHRWAHRSCHEINDLICH SCHÖN LANGE GESCHEHEN SWOLLEN.
  2. Ernst Ruetimann , Trang Ernst Ruetimann , Trang vor 3 Wochen
    Ich höre die Worte wohl, allein mir fehlt der Glaube! Eine Olympiade im Sinne von oben durzuziehen heisst schon fast über den eigenen Schatten zu springen. Ich befürworte eine auf mehrere Orte verteillte Veranstalltung mit möglichst wenig Neubauten, welche nachher nicht mehr genutzt werden. Der Kommerz hat leider in der Neuzeit bei grossen Sportanlaessen den Vorrang, wie unschwer an den vergangenen weltweiten Veranstaltungen zu sehen war! Ich wünsche den Initianten viel Glück.
  3. Helen Meier Helen Meier vor 3 Wochen
    Das Engagement von Hans Stöckli ist bemerkenswert. Gleichzeitig stellt ihm die "Revue" die richtigen Fragen. Dass das Volk – ausser vielleicht im Wallis – Ja zu Olympia sagt, glaube ich nicht mehr. Es sind dies eher Anlässe der Vergangenheit, nach dem Motto "grösser, besser, teurer". Heute scheitert dieser Ansatz allein schon an der Angst vor Angriffen (Terrorismus) und den daraus folgenden enormen Sicherheitskosten. Der Klimawandel wird zusäzlich am Lack olympischer Winterspiele kratzen.

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