Drei Menschen, drei Schicksale

Die Berichte der Opfer von Zwangsmassnahmen sind sehr persönlich und erzählen von unsäglichem Leid, das im Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen bis heute nachwirkt.

Bernadette Gächter, sie wurde als junge Frau zwangssterilisiert. Foto Remo Neuhaus © Guido Flury Stiftung

Clément Wieilly, ehemaliges Verdingkind. Foto Remo Neuhaus © Guido Flury Stiftung

Bernadette Gächter erzählt

«Ich bin eine der Frauen, die aus eugenischen Gründen zur Abtreibung und Sterilisation gedrängt wurden. Das war 1972 im Kanton St. Gallen. Als ich mit 18 Jahren ungewollt schwanger wurde, erklärte man mir plötzlich, ich sei geistesgestört. Dabei hatte ich die Sekundarschule absolviert. Ärzte, Vormund und Pflegeeltern machten mir weis, ich hätte einen Hirnschaden und mein Kind würde ebenfalls mit einem Hirnschaden zur Welt kommen. Sie haben mich sterilisiert, so wie man eine Katze sterilisiert, damit sie nicht viermal pro Jahr Junge wirft. Ich konnte keine Familie mehr gründen, keine Kinder mehr bekommen. Wenn ich als junge Frau Mütter mit ihren Babys oder Kindern sah, tat das schrecklich weh. Sehe ich heute Frauen mit ihren Enkelkindern, schmerzt mich auch das sehr. Bis heute habe ich kein Gefühl mehr in meinem Bauch. Seit 30 Jahren kämpfe ich um mein Recht. Nach alledem trotzdem ein lebenswertes Leben zu führen, erfordert eine enorme Kraft, unwahrscheinliche Energie und einen sehr starken Willen. Gemäss Beschluss des Europarates vom 26. Juni 2013 steht mir eine Entschädigung zu.»

Alfred Ryter erzählt

«Infolge schwerer und langer Krankheit mit langjährigen Kuraufenthalten meiner Mutter wurde ich, nicht ganz acht Jahre alt, vermutlich aus finanzieller Not, an ein kinderloses Bauernehepaar verdingt. Meine zwei älteren Brüder wurden ebenfalls verdingt. Ein altes Sofa und alte Wolldecken in einem Tenn mit Futtermitteln und allerhand Geräten war von nun an mein Schlafgemach. Als mir bewusst wurde, wo ich war und wie man mich behandelte, wurde ich rebellisch. Ich flehte, weinte, trat mit den Füssen gegen das Tennstor. Ich schlug mit Gegenständen um mich. Alles nützte nichts, sie waren stärker und zerbrachen mich. Von nun an nahm ich alles an Hunger, Schlägen, Missachtung auf mich. Es berührte mich nicht mehr. Am besten fühlte ich mich bei der Arbeit, die lang und streng war. Ich war wenigstens nicht eingesperrt. Hunger und Schmerz waren von nun an meine ständigen Begleiter. Um den grössten Hunger zu stillen, ass ich Schweine- und Hühnerfutter. Am Morgen, wenn ich von der Stallarbeit kam und der Bäuerin die Milch brachte, erhielt ich zum Morgenessen ein Stück Brot mit Konfi sowie eine Tasse Milch, die jedoch mit kaltem Wasser verdünnt war. Am Anfang sagte mir die Bäuerin, sie habe kaltes Wasser in die Milch gegossen, damit ich mich beim Trinken nicht verbrenne.

War ich unartig, was aus der Sicht der Bauersleute sehr oft vorkam, erhielt ich zum Morgen- essen ein Stück Brot ohne Konfi sowie kaltes Wasser. Das musste für den ganzen Tag genügen. Ich magerte ab, war nur noch ein «Hämpflein». Hat das niemand bemerkt? Warum nicht?

Eine meiner härtesten Bestrafungen war, als ich von Ferienleuten eine Orange stahl. Als das die Bäuerin bemerkte, wurde ich mit Gegenständen blutig geschlagen und ins Tenn eingesperrt. Kurze Zeit später wurde ich aus dem Tenn geholt. Ich musste mich nackt ausziehen und mich in das kalte Brunnenwasser setzen. Ich wurde von der Bäuerin mit einer «Reisbürste» abgeschrubbt. Die Bemerkung war; «stehlen kann man nicht nur wegprügeln», das müsse auch noch abgeschrubbt werden.

Nach 50 Jahren holte mich die Vergangenheit ein. Ich hatte schon früher immer Depressionen, konnte diese jedoch nicht einordnen. Heute schon. Ich musste verschiedene schwere Schicksalsschläge verarbeiten. Die Selbstmorde meiner Brüder, immer wieder Erinnerungen an meine Höllenjugendzeit. Dank über 20 Jahren Unterstützung durch meinen Psychiater und starken Medikamenten bin ich etwas stabiler geworden. Die Verdingzeit hat mein ganzes Leben geprägt. Auch meine Frau und meine zwei Kinder mussten darunter leiden.»

Clément Wieilly erzählt

«Ich wurde 1954 im Bürgerspital Freiburg geboren, mein Bruder 1952. Unsere Eltern haben uns nach der Geburt ausgesetzt. Zunächst wurden wir in der Abteilung Chirurgie und Pädiatrie des Kantonsspitals Freiburg untergebracht, danach im Säuglingsheim St-François in Courtepin und in Pringy – wie bei allen unseren folgenden Fremdplatzierungen unter Amtsvormundschaft der damaligen Behörden. Von 1958 bis 1968 waren wir im Waisenhaus der Burgergemeinde der Stadt Freiburg platziert. Der Direktor war sehr streng, kannte keine Gnade, schlug uns und enthielt uns Mahlzeiten vor. Wir wurden unentwegt sehr brutal bestraft. Man drückte mir ein Kissen aufs Gesicht, bis ich bewusstlos wurde. Ich war Opfer sexueller Belästigung und von Voyeurismus. In der Schule wurden wir von den andern Kindern gehänselt, weil wir Waisen waren. Die Klassenlehrer misshandelten uns. 1962 zeigte ein neuer Direktor etwas mehr Gefühl für uns. Von 1968 bis 1970 waren mein Bruder und ich getrennt und ich wurde bei einer Bauernfamilie platziert. Die Arbeit war anstrengend, mit vielen Einschränkungen verbunden und wurde nicht entlohnt. Ich arbeitete von 5.30 bis 20 Uhr und ging zwischendurch in die Schule. Die Familie liess mir ab und zu auch Achtung und Zuneigung zukommen. Während dieser Zeit war mein Bruder bei einer Kaminfegerfamilie untergebracht, ohne Bezahlung. Mit 16 wurde ich wieder in ein Heim, ins Lehrlingsheim in Freiburg, platziert. Ich musste den Spenglerberuf erlernen. Die Älteren misshandelten uns psychisch, körperlich und sexuell. Die Erzieher sahen über diese Handlungen hinweg. Auch mein Bruder wurde in diesem Heim platziert, wo er die interne Ausbildung zum Schuhverkäufer abschloss. Wir waren aber nicht zur gleichen Zeit dort. Er war Opfer derselben Misshandlungen wie ich. Wir sind ohne persönliches Umfeld, ohne Wissen und ohne Orientierung ins Erwachsenen- und Berufsleben eingestiegen. Wir wurden nie vorbereitet, um für das Leben als junge Erwachsene mit allem, was damit verbunden ist, gerüstet zu sein. Wir waren ahnungslos und manipulierbar. Es fehlte uns am Grundwissen, wie man seine finanziellen Mittel verwaltet und wo die Gefahren lauern. Von Menschen, die unsere Naivität ausnutzten, wurden wir ins Mühlwerk der Kleinkredite getrieben. Ich zahle immer noch Schulden ab. Heute lebe ich immer noch mit einer kleinen IV-Rente, und ich habe es geschafft, die Vereinigung «Agir pour la Dignité» ins Leben zu rufen.» [Ziel der Vereinigung ist die Unterstützung der Opfer von Zwangsmassnahmen sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung.] www.wiedergutmachung.ch

Kommentare (2)
  1. Sylvia Chachay, Neukaledonien Sylvia Chachay, Neukaledonien vor 3 Tagen
    Ces trois témoignages font penser au Moyen Age - et pourtant ils sont contemporains de ma propre jeunesse. Je me demande si de nos jours, en Suisse, il y a des enfants qui subissent les mêmes horreurs sans que personne ne leur vient en aide....
  2. Jeannette Friedman Jeannette Friedman vor 2 Tagen
    Jeannette Friedman, United States
    I am so sorry to read about "Three people, three stories". How terrible to go through such an experience.
    My experience is totally different, yet it seems to be during same time period, early 1950s.
    I spent two years in an "Orphanage" in La Chaux-de Fonds". It changed names since then.
    It was for orphans or kids from trouble homes from infancy to 18 years old. We were well taken care off, went to local schools, slept in dormitories, went skiing in front of the buildings, had gifts at X-mas times, donated by the people of the city, had a X-mas tree, reading times with the director who tried to interest us about Swiss authors and Swiss culture. We were looked down somewhat by others at school because it was known where we lived, but I don't think it was excessive.
    I just want to present another side of Switzerland's orphanages,.

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