Im Kopf des Marathonläufers implodiert eine ganze Welt

Ein New-York-Aufenthalt im Jahre 1992 inspirierte den Welschschweizer Autor Daniel de Roulet zu zwei seiner eigenwilligsten Romane.

Er war längst einer der vielversprechendsten Schweizer Schriftsteller und Intellektuellen, als Daniel de Roulet, 48, das New-York-Stipendium des Kantons Bern erhielt. Der Sohn eines welschen Pfarrers und einer Deutschschweizer Industriellentochter hatte in Paris Soziologie und in Genf Architektur studiert, arbeitete sich aber seit 1973 in Zürich zu einem exzellenten Computerfachmann empor. Davon zeugten auch seine zwei ersten, auf Deutsch erschienenen Bücher «Die Höllenroutine» und «Zählen sie nicht auf uns». Den New-York-Aufenthalt aber brachte ihm das Buch ein, mit dem er endgültig zum französischsprachigen Autor geworden war: «A nous deux, Ferdinand», die Utopie einer global orientierten Schweiz der landwirtschaftlichen Genossenschaften.

Dass der eine der beiden von New York inspirierten Romane, «La ligne bleue»/«Die blaue Linie» von 1995, den einer blauen Linie entlang führenden New-York-Marathon in den Mittelpunkt stellt, verwundert nicht, ist Laufen doch für den mehrfachen Marathonläufer de Roulet seit je rhythmisch und technisch das gegebene Äquivalent zum Schreiben. Der Roman ist aber mehr als eine Liebeserklärung an den Marathon, vermischen sich im Kopf des Läufers Max von der Pokk doch die Erlebnisse des New Yorker Laufs mit der Erinnerung an die Flucht von Kaiseraugst nach Olten im Jahre 1979, als der AKW-Info-Pavillon angezündet worden war, und mit der Flucht des Malers Gustave Courbet in die Schweiz, nachdem dieser in Paris die Vendôme-Säule zerstört hatte. Aber nicht nur das, telefonisch ist Max auch mit seiner Geliebten Shizuko Tutsui verbunden, die mit seiner Hilfe Pläne für eine exzentrische Flughafenhalle in Nagasaki zunichte machen will.

«Die blaue Linie» wurde zur Keimzelle des bis 2014 zehn Bände umfassenden Roman-Zyklus «La Simulation humaine», in der de Roulet die Nachkommen des Schweizer Industriellen Paul von Pokk jenen des japanischen Kamikaze-Piloten Tsetsuo Tsutsui gegenüberstellt und in dem ein ganzes Jahrhundert technische und wissenschaftliche Entwicklung von den Fabriken des 19. Jahrhunderts bis zur Katastrophe von Fukushima evoziert wird.

In diesen Zyklus gehört auch der zweite dem Stipendium von 1992 zu verdankende Roman, «Virtuellement vôtre»/«Mit virtuellen Grüssen», der bereits 1993 erschienen ist. Handlungsort ist diesmal das St.-Bellevue-Spital im New Yorker Stadtteil Harlem. Dort entwickelt einer der Nachfahren von Paul von Pokk, der auf Computersimulation spezialisierte Medizin-Professor Vladimir Work, seine Methode, den operierenden Chirurgen durch den Computer zu ersetzen. Abseits von diesem Eldorado der modernen Medizintechnik, in einem leerstehenden Raum des riesigen Spitals, hat sich die obdachlose Schwarze Frenesie einquartiert und lebt von geklauten Mahlzeiten. Ihr Freund, ein Verehrer des Freiheitskämpfers Malcolm X, knackt schliesslich das Computersystem des Spitals, während sie selbst in der Cafeteria den berühmten Professor Work zu verführen sucht, ob bloss virtuell oder in Wirklichkeit, bleibt das Geheimnis des Buches, das dem Lesepublikum New York und seine Abgründe auf eine ebenso originelle und abenteuerliche wie futuristische Weise vor Augen führt.

 

charles linsmayer ist literaturwissenschaftler und journalist in zürich

 

«Das Bewusstsein all dieser Teile seiner selbst entsteht Meile für Meile durch zahlreiche Zitate, Pleonasmen, Déjà-vu­-Erlebnisse. Max erfindet nichts beim Laufen. Er zählt alle Teile seiner Identität auf und bündelt die verstreuten Fäden seines In-der-Welt-Seins. Seine einzige Angst, wie die all unserer post­modernen, aber glücklichen Helden: seiner selbst entkleidet zu sein.»

(«Die blaue Linie». Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Darteville, Limmat-Verlag, Zürich, 1996)

Bibliografie: «La ligne bleue», Editions du Seuil, Paris 1995 / «Die blaue Linie», Limmat-Verlag, Zürich 1996. «Virtuellement vôtre», Canevas Editeur, Saint-Imier 1993 / «Mit virtuellen Grüssen», Limmat-Verlag, Zürich, 1997

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