Wanderfreudig und weltoffen

Migration und Mobilität sind dominierende Themen der Gegenwart. Mehrere Zehntausend Schweizerinnen und Schweizer verlassen jährlich das Land, etwa gleich viele kommen wieder zurück. Die Eidgenossen gehören gar «zu den wanderfreudigsten Zeitgenossen», schreibt Rudolf Wyder in der Einleitung seines Buches «Globale Schweiz: Die Entdeckung der Auslandschweizer». Und es ist gar nicht so lange her, als der Staat froh war, wenn möglichst viele gingen und nicht mehr wiederkamen: Staatliche Auswanderungsförderung war noch in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit.

Diese und viele andere spannende Zusammenhänge rund um das Verhältnis der Schweiz zu ihren Ausgewanderten schildert Wyder in seinem Buch, das zum 100-Jahre-Jubiläum der AuslandschweizerOrganisation (ASO) erschienen ist. Nicht abenteuerliche Auswanderergeschichten stehen dabei im Zentrum. Der Autor, ASO-Direktor von 1987 bis 2013, bietet klassische Geschichtsschreibung, geht chronologisch und thematisch vor.

Erstmals in dieser Breite werden auch die politischen Präferenzen der Expats aufgrund von repräsentativen Umfragen und Analysen des Wahl- und Abstimmungsverhaltens dokumentiert. Augenfällig ist gemäss Wyder «die offenere Haltung bei spezifisch aussenpolitischen Geschäften und bei Vorlagen, welche die Rolle und das Bild der Schweiz in der Welt betreffen». Deutlich über dem Durchschnitt liege die Zustimmung etwa beim ersten Paket sektorieller Abkommen mit der EU im Jahr 2000 oder der Beteiligung an den Abkommen von Schengen und Dublin 2005. Besonders bemerkenswert: «Die Initiative gegen Masseneinwanderung von 2014 wird von den Auslandschweizern in allen acht Kantonen, die bekannt geben, wie diese gestimmt haben, mit durchschnittlich zwei Dritteln der Stimmen abgelehnt». Bei Fragen rund um Öffnung und internationales Engagement der Schweiz votieren die Stimmenden im Ausland also markant positiver als der schweizerische Durchschnitt. Mehr noch: «In Wahlen schneiden Parteien, die sich für internationale Präsenz und Partizipation offen zeigen, bei Auslandschweizern entsprechend besser ab. Das Stimm- und Wahlverhalten der Auslandbürger deckt sich praktisch mit dem Votum urbaner Gebiete im Inland», schreibt der Autor.

Rudolf Wyder hat ein Standardwerk über die Schweizer Migrationsgeschichte geschrieben und damit die grosse Bedeutung helvetischer Auswanderung im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ins Bewusstsein gerückt.

JÜRG MÜLLER

Rudolf Wyder: «Globale Schweiz: Die Entdeckung der Auslandschweizer», Stämpfli Verlag, Bern 2016, 256 Seiten, CHF 34.–

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