Grosses Kino – ein Besuch am Schweizer Wohnsitz von Charlie Chaplin

Auf dem von Charlie Chaplin bis zu seinem Tod 1977 bewohnten Anwesen in Corsier-sur-Vevey hat im April Chaplin’s World eröffnet. Ein Ort, der einlädt, in die Welt des britischen Genies einzutauchen und sich im Studio spielerisch seinem Werk zu nähern.

Charlie Chaplin, wie man ihn kennt und liebt, in «The Kid» von 1921. Foto Keystone

Im Studio betritt man die Welt seiner berühmten Filme wie «Der grosse Diktator» aus dem Jahr 1940.

Im Herrenhaus kann man das Büro des Schauspielers im Originalzustand der 1970er-Jahre besichtigen. Fotos Chaplin's World

Am 16. April, dem Geburtstag des geistigen Vaters des «Tramp», hat in Corsier-sur-Vevey die Chaplin’s World eröffnet. Auf dem vier Hektar grossen Anwesen des Manoir de Ban ist ein Ort entstanden, der sich als Erinnerungsstätte und interaktives Studio versteht. Chaplin kaufte den im 19. Jahrhundert erbauten Herrensitz Ende 1952. Hier zogen er und seine Frau Oona ihre acht Kinder auf, hier verbrachten sie ihren Lebensabend. «Ihre Söhne Michael und Eugène waren an der Eröffnung dabei. Es war sehr bewegend zu sehen, wie sie sich hier vor Ort Filme aus ihrer Kindheit ansahen. Nicht minder bewegend war der Moment, in dem wir gemeinsam eine versiegelte Kiste mit Kostümen des ‹Tramp› öffneten», erzählt Annick Barbezat vom Team der Chaplin’s World.

Für jeden, der mit den Filmen von Chaplin gross geworden ist, ist ein Besuch im Manoir aufwühlend. Drei Zimmer wurden entsprechend ihrem Originalzustand in den 1970ern hergerichtet. So kann man das Büro des Schauspielers besichtigen und sich seine Bibliothek und die Aufzeichnungen für seine Biografie sowie Drehbuchprojekte ansehen, darunter das Storyboard zum Film «The Freak», der nie realisiert wurde. Im Salon, durch dessen Fenster man einen Blick auf den wunderschönen Park und im Hintergrund die Berge des Chablais hat, kann man der Atmosphäre nachspüren, in der sich der Meister mit Gästen wie Michel Simon und Serge Reggiani getroffen hat.

Im Schlafzimmer, einige Räume weiter, steht am Fusse des Bettes ein alter Fernseher. «Hier starb Chaplin. Es gibt immer wieder Gäste, die der Raum zu Tränen rührt», so Barbezat. Im Esszimmer, wo die Familie allabendlich um viertel vor sieben zusammenkam, sind Filme über die Chaplins zu sehen. Sie zeigen die Familie bei Tisch, den Hausherrn voran. Mimik und Grimassen des grauhaarigen Herrn lassen keinen Zweifel, dass er ein Meister der Emotionen ohne Worte war. «Worte scheinen so schwach», hört man ihn auf einer Aufnahme der Oscarverleihung 1972 sagen, als er den Preis entgegennimmt.

Das Manoir de Ban, die Weinberge der Waadt, die beschaulichen Dörfer der Riviera – das gesamte Schweizer Umfeld, in dem Chaplin 25 Jahre seines Lebens verbrachte –, schien ihn glücklich gemacht zu haben. «Wir lieben die Schweiz mit jedem Tag mehr», schrieb er 1954 in einem Brief. In einem anderen bekannte er, er habe in Corsier-sur-Vevey seine schönsten Jahre verbracht. Und Chaplin schien keinen wesentlichen Anstoss daran zu nehmen, dass sein Anwesen direkt oberhalb eines Schiessplatzes lag.

In Filmen und auf Fotos sieht man ihn am lokalen Leben teilhaben. Er hatte seine Gewohnheiten im Dorf und besuchte alljährlich den Zirkus Knie in Vevey, dessen Orchester ein ums andere Mal zu seinen Ehren die Musik aus Rampenlicht intonierte. Dennoch wurde der Schauspieler, Musiker, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent nie des Französischen mächtig. «Auf Französisch bin ich dumm», sagt er in einer der Projektionen im Manoir. Aber auch von weniger glücklichen Tagen zeugt die Ausstellung, darunter der Depression, in die Chaplin nach dem Misserfolg seines letzten Films «Die Gräfin von Hongkong» (1967) verfiel.

Wachsfiguren im Studio

Die weitere Besichtigung sieht den Besuch des Studios vor. Die Räume verteilen sich über zwei Stockwerke, in denen rund 30 Wachsfiguren ausgestellt sind. Auf einem Bildschirm werden Stummfilme von Chaplin gezeigt. Den Anfang macht ein mitreissender zehnminütiger Film ohne Sprecher, der in einem Kinosaal läuft. Schliesslich hebt sich der Vorhang und die Besucher wechseln auf die andere Seite, wo sie im Dekor einer schäbigen Gasse im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts stehen. Die Nachbildung stellt das Umfeld dar, in dem Charlie und sein Bruder Sidney lebten, bevor man sie ihrer Mutter fortnahm. Und sie ist die originalgetreue Nachbildung eines Chaplin-Filmdekors: der Kinderstube des «Kid» (1921). Etwas weiter steht der Besucher vor einem vernagelten Schaufenster, über das «Jew» geschrieben steht – Teil einer Szene aus «Der grosse Diktator» (1940). Auf einem Mäuerchen sitzt lächelnd das blinde Blumenmädchen aus «Lichter der Grossstadt» (1931), während ein Bildschirm ihm gegenüber die Szene zeigt, in der es seinem Wohltäter – dem «Tramp» – gegenübersteht, den es nur tastend erkennen kann.

Die erstaunlich lebensechten Wachsfiguren tragen dazu bei, Charlie Chaplin und seine Welt präsent werden zu lassen. Auch die Jugendlichen haben daran sichtlich Spass. Wer mag, kann sich in der von Chaplin geschaffenen Welt selbst in Szene setzen und sich bei dem jüdischen Friseur aus «Der grosse Diktator» in den Rasierstuhl setzen. Auch in die Rolle des Adenoid Hynkel kann man schlüpfen, in die über dem Abgrund hängende schwankende Hütte aus «Goldrausch» (1955) klettern, oder sich wie in «Moderne Zeiten» (1936) an die Zahnräder hängen.

Historisch genau

Die Ausstellung ist jedoch nicht nur amüsant, sondern, wie Annick Barbezat betont, «auch historisch überaus genau». So erfährt man, dass sich Hitler den Film über seine Person allein, in Privatprojektion, angesehen haben soll. Hätte er vom Völkermord an den Juden gewusst, hätte er diesen Film nicht gedreht, schreibt Chaplin wiederum in seinen Memoiren.

Weniger ernst gehts im Teil des Studios zu, der sich mit der Montage von Chaplins Filmen befasst: Seine ersten Filme waren improvisiert. Als zum Beispiel eine Szene in einem Restaurant kein stimmiges Ende fand, kam Chaplin die Idee, den «Tramp» als Galan mit seiner Angebeteten zu inszenieren, der die Einladung nicht bezahlen kann. Schon war die Spannung da. «Filmmaterial ist preiswert – was teuer ist, sind die Ideen», so der Meister.

Stéphane Herzog ist Redaktor der «Schweizer revue»

Aus Begeisterung für Chaplin und sein Werk

Urheber der Idee zu Chaplin’s World waren der Waadtländer Architekt Philippe Meylan, der mit Mitgliedern der Chaplin-Familie bekannt war, und der aus Québec stammende Museologe Yves Durand, den Philippe Meylan für sein Vorhaben gewinnen konnte. Als das Projekt vor rund 15 Jahren ins Leben gerufen wurde, hatte das Manoir de Ban seine besten Zeiten hinter sich. Eugène und Michael Chaplin waren nach dem Tod ihrer Mutter Oona 1991 in das Gebäude gezogen. Das Anwesen zu unterhalten erwies sich jedoch zunehmend als schwierig. Schliesslich konnten der Architekt und der Museologe die Unterstützung der Gemeinden und des Kantons gewinnen. Auch zwei Investoren schlossen sich dem Projekt an: die Luxemburger Investmentgesellschaft Genii Capital und Grévin International, der heutige Betreiber des Museums. Laut Annick Barbezat beliefen sich die Gesamtkosten für das Vorhaben auf 60 Millionen Franken. Heute verzeichnet das Museum bei grossem Andrang bis zu 2000 Besucher am Tag. «Charlie Chaplin ist eine sehr starke und positiv besetzte ‹Marke›», so die Kommunikationsbeauftragte von Chaplin’s World, die schätzt, dass das Museum in seinem ersten Jahr auf 300 000 Besucher kommen wird.

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