Geschichten in und um die Bar Sevilla

«Ich kann sie verstehen. Sie muss wieder mal weg aus diesem Kaff. Bei mir ist das anders.» Mit diesen Worten beginnt der neue Roman von Alex Capus. Der Ich-Erzähler Max ist Schriftsteller und gleichzeitig Besitzer und Betreiber der Sevilla-Bar in einer Schweizer Kleinstadt. Nun fährt seine Frau Tina für eine Gastprofessur nach Paris und lässt ihn und ihre drei Söhne unter der Woche alleine. So spielt denn der Roman in den wenigen Tagen der ersten Woche ihrer Abwesenheit.

Max erzählt aus seinem Alltag in der Bar, sinniert über seine Frau in Paris und seine eigene Verankerung in der Kleinstadt, schildert mal knapp, mal ausschweifend die Geschichten von Freunden und Barbesuchern. Da werden Männerfreundschaften aufgerollt wie die zwischen Max und Miguel, dem Sohn spanischer Gastarbeiter, oder jene zwischen seinem ehemaligen Lehrer Toni und dem Amerikaner Tom. Das Buch schliesst mit einer grossen Liebeserklärung an Tina, als Max ihr in einer surrealen Traumatmosphäre aus den Sümpfen von Florida Dutzende von Postkarten schreibt.

Es ist nicht schwer, die biografischen Ähnlichkeiten zwischen Max und dem Autor zu entdecken. Capus ist Besitzer der Galicia-Bar in Olten, wo er seit seiner Kindheit wohnt. Doch sollte der Leser am Schluss denken, nun Intimes über den Autor erfahren zu haben, greift er zu kurz: Am Schluss nimmt ihn Capus in einen irrealen Traum mit, der Max auf seiner Reise zum Amerikaner Tom in die Sümpfe Floridas führt. Hier erkennt man die ungehemmte Fabulierlust des Autors und seine Fähigkeit, in kleinen Geschichten tiefgründig zu sein. Jede einzelne Geschichte über die Besucher der Bar liesse sich zu einer eigenständigen Erzählung weiterspinnen, die wir gerne lesen möchten. Es ist ein Buch, in dem weder Weltbewegendes noch Mord- und Totschlag passiert. Und doch berührt der Roman, der feinfühlig, unprätentiös und schnörkellos geschrieben ist und nie in den Kitsch abfällt. Ein wunderbar positiv stimmendes Lesevergnügen. Und die Geschichte mit dem ausgestopften Stierkopf muss es wohl wirklich geben, hängt doch in der Oltener Bar der Kopf seines spanischen Toros.

Alex Capus, Jahrgang 1961, wurde in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Als kleiner Junge zog er mit seiner Mutter nach Olten, wo er noch heute mit seiner Frau und seinen fünf Söhnen lebt. Capus schreibt als freier Schriftsteller Kurzgeschichten, Reportagen und Romane wie die 2011 erschienene wunderbare Liebesgeschichte «Léon und Luise».

Ruth von Gunten

Alex Capus: «Das Leben ist gut». Hanser Verlag, 2016. 240 Seiten, ca. CHF 28.–

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