Partisanen und andere Geschichten

Der 2014 erschienene Erzählband «Miló» von Alberto Nessi liegt endlich in deutscher Übersetzung vor. Die achtzehn Geschichten erzählen von Menschen im Grenzraum ItalienSchweiz. In der ersten Erzählung befinden wir uns in Genf vor dem 2. Weltkrieg, in dem sich eine italienische Immigrantin als Zigarrendreherin hart ihr Leben verdient und um ihren Sohn Miló im Gefängnis bangt. Er wird in der Folge des Landes verwiesen und schlägt sich in Italien mit verschiedenen Arbeiten durch. Im September 1943 geht er in den Untergrund und stirbt in den Bergen im Kampf gegen die Faschisten.

Der Autor hat die Witwe besucht und lässt ihre Erinnerungen aufleben: «Als sie ihn auf dem Gerüst sah, verliebte sie sich in ihn, weil er ein freier junger Mann war.» In dieser schwierigen Kriegszeit eine wunderschöne Liebeserklärung. Weitere Erzählungen über Partisanen und Partisaninnen folgen, denen sich solche von Frauen und Männern von heute anschliessen. Es sind Geschichten von sogenannt kleinen Leuten, die keine Berühmtheit erlangen werden. Doch sie schwimmen gegen den Strom und zeigen Mut, indem sie sich den sozialen Regeln verweigern, in verlassenen Tessinerdörfern ausharren oder sich als Migranten ein besseres Leben suchen.

Man spürt, dass Alberto Nessi gut zuhören kann und immer das Innenleben der Menschen in den Vordergrund stellt. Die Hommage an seinen Vater, «Forever», ist ein Juwel. Klar, fast distanziert porträtiert er seinen früh verstorbenen Vater und gewinnt gerade dadurch an Nähe und Dichte. Seine Aussage «oder vielleicht sahst du mich hier dein Werk des Chronisten weiterführen» zeugt von der grossen inneren Verbundenheit zwischen Vater und Sohn.

Und Chronist ist Nessi in seinen Erzählungen, die Widerstand, Mut und somit die Freiheit ausleuchten. Manchmal driften sie in die Träume der Protagonisten ab und erhalten so eine wunderbar lyrische Seite.

Ein Band voller Poesie, der dank der einfühlsamen Übersetzung von Maya Pflug auch in deutscher Sprache schön zu lesen ist. Maya Pflug überträgt seit vielen Jahren italienische Literatur ins Deutsche und erhielt 2011 den Deutsch-italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk.

Alberto Nessi, Jahrgang 1940, ist seinem Geburtskanton Tessin nach dem Studium in Fribourg treu geblieben. Er unterrichtete in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und arbeitete als Autor. Als erster italienischsprachiger Schriftsteller wurde er im Februar mit dem Schweizer Grand Prix Literatur 2016 für sein Lebenswerk geehrt.

 

Alberto Nessi: «Miló». Übersetzt von Maja Pflug. Limmat Verlag, 2016. 232 Seiten, SFr. 34.50, 34.50 €

Auf Italienisch erschienen bei Edizioni Casagrande, 2014.

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