Kunstlicht treibt die 24-Stunden-Gesellschaft an

Wir gönnen uns immer weniger Tageslicht und setzen uns immer mehr Kunstlicht aus. Das verändert die menschliche Biologie, sagt Alexander Reichenbach, der Lichtspezialist beim Bundesamt für Umwelt.

«Schweizer Revue»: Herr Reichenbach, Licht ist per se doch etwas Reines. Wie kann man da von Lichtverschmutzung reden?

Alexander Reichenbach: Licht ist nicht einfach Licht. Licht verändert sich im Tagesverlauf stark. Seine Intensität und seine spektrale Zusammensetzung wandeln sich. Wenn zur falschen Zeit das falsche Licht leuchtet, dürfen wir von Lichtverschmutzung reden.

Wann wird Licht zu Schmutz?

Wenn Licht räumlich, zeitlich oder punkto Intensität über den reinen Beleuchtungszweck hinausgeht, reden wir von Lichtverschmutzung. Im Vergleich zu anderen Umwelteinflüssen ist die Lichtverschmutzung zwar nicht das alles dominierende Thema. Aber wir müssen aus wissenschaftlicher Sicht einräumen, dass wir ihren Folgen erst langsam auf die Spur kommen, zumal es elektrisches Licht erst seit rund 100 Jahren gibt. Schliesslich könnte der Technologieumschwung Folgen haben, die wir heute noch gar nicht kennen.

Das klingt für den Laien etwas gar kryptisch.

Auf den Menschen bezogen, sehen wir, wie gross der Einfluss des künstlichen Lichts auf die Gesellschaft ist. Künstliches Licht ist der treibende Faktor für den Trend hin zur 24-Stunden-Gesellschaft. Nun kommt dazu, dass neue Lichtarten auch eine neue Zusammensetzung haben, etwa einen höheren Blauanteil aufweisen. Der Blauanteil des Lichts ist biologisch besonders wirksam. Weil wir tagsüber immer weniger natürlichem Licht ausgesetzt sind, wächst der biologische Einfluss des künstlichen Lichts.

Was droht uns denn, wenn wir zu lange einem zu hohen Blaulichtanteil ausgesetzt sind?

Wir müssten befürchten, dass die Schlafphase nach hinten verschoben wird. Die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das uns auf die Schlafphase vorbereitet, wird durch hohen Blaulichtanteil verzögert.

Der Mensch sucht Erleuchtung, nicht Umnachtung. Wie will man ihn da zu mehr Nacht und mehr Dunkelheit erziehen?

Die meisten, die wir aufs Thema ansprechen, reagieren mit Wohlwollen. Planer sind sehr oft bereit, Vorkehrungen gegen ein Zuviel an Licht zu treffen. Dabei hilft der Umstand, dass unnötiges Licht ja auch zu unnötigem Energieverbrauch und somit zu unnötigen Kosten führt.

Auf Nachbars Balkon blinken des Nachts kleine, bunte, die Farbe wechselnde Solarlämpchen. Das sieht doch recht verspielt aus …

Genau zu solchen Zierbeleuchtungen gibts bereits einen Bundesgerichtsentscheid. Das Gericht befand, es sei richtig, ab 22 Uhr auf nicht funktionale Zierbeleuchtungen zu verzichten. Der Hintergrund des Entscheids ist, dass auch kleine und diffuse Lichtquellen zur Lichtverschmutzung und zu potenziell negativen Einflüssen auf Flora und Fauna beitragen können. Grundsätzlich gilt heute: Wir müssen Licht mit Bedacht einsetzen.

Wenden wir uns noch dem Glühwürmchen zu: Es foutiert sich völlig ums Gebot dunkler Nächte. Ein punkto Lichtverschmutzung besonders renitentes Wesen?

Nein, überhaupt nicht. Das Glühwürmchen belegt eher, warum dunkle Nächte ein Gewinn wären. Wären sie dunkel, würden wir Naturschauspiele wie das Leuchten der Glühwürmchen wieder sehen. Heute ist es oft zu hell. Nur noch eine Minderheit weiss, wie eine Nacht mit leuchtenden Glühwürmchen wirkt.

Interview: Marc Lettau

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