150 Schweizer Porträts

Wer kennt Namen wie Lore Berger oder Jonas Fränkel? Wahrscheinlich nur wenige Eingeweihte oder Bibliothekswürmer. Anders ist es bei Robert Walser oder Max Frisch, diese Namen hat jeder von uns wohl mindestens einmal gehört, und wer in der Schweiz zur Schule ging, hat vielleicht auch ihre Werke gelesen.

Nun liegt ein Band vor mit 150 Kurzporträts von Akteuren der Schweizer Literaturlandschaft aus allen vier Sprachregionen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Charles Linsmayer reiht die Autorinnen und Autoren alphabetisch auf, widmet jeder und jedem genau zwei Seiten, die immer gleich strukturiert sind. In einer dichten Sprache umreisst Linsmayer ihr literarisches Schaffen und gibt ihnen mit knappen biografischen Daten und Besonderheiten eine präzise Kontur. Er versteht es ausgezeichnet, die Werke in ihren historischen und literarischen Kontext zu setzen. Mit dem Einschub «Im Originalton» lässt Linsmayer den Leser auch direkt in die Texte eintauchen. Eine knappe Bibliografie rundet jedes Porträt ab.

Das Buch ist ein Nachschlagewerk und zugleich eine Wundertüte des literarischen Schaffens der Schweiz. Da werden längst in Vergessenheit geratene Dichter und Erzähler vorgestellt, deren Werke vergriffen sind. Aber auch zeitgenössische Autorinnen und Autoren fehlen nicht, wie etwa Melinda Nadj Abonji, deren Buch «Tauben fliegen auf» 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis gewann, oder Adolf Muschg, einer der grössten Erzähler und Denker in der heutigen Schweiz. Zu Werner Renfer, 1936 verstorben, schreibt Linsmayer: «Was für ein feinsinniger Erzähler und grossartiger, stupend moderner Lyriker er ist.» Da erwacht sofort die Neugier, diese Gedichte zu lesen. Ähnlich bei Anita Siegfried, geboren 1948. Zu ihren Romanen notiert Linsmayer: «Einen weiteren Höhepunkt ihres Schreibens erreicht sie 2007 mit ‹Die Schatten ferner Jahre›.»

Die Porträts werden durch die Fotos, die an den Hottinger Literaturgesprächen von Manfred Utzinger aufgenommen wurden, und den Autorenfotos von Yvonne Böhler wunderbar ergänzt. Das Buch empfiehlt sich allen, die sich für Schweizer Literatur begeistern oder begeistern lassen möchten.

Charles Linsmayer, 1945 geboren, lebt in Zürich und ist einer der besten Schweizer Literaturkenner. Nach dem Studium in Zürich und Berlin arbeitete er zunächst als Gymnasiallehrer, Verlagslektor und Journalist. Immer noch aktiver Literaturkritiker, Publizist und Kulturvermittler, schreibt er auch regelmässig für die «Schweizer Revue».

Ruth von Gunten

Charles Linsmayer:

«Gesichter der Schweizer Literatur». Elfundzehn Verlag, 2015; Seiten 311; CHF 43.90

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