Lieber mobil als ausgewandert

Über 760 000 Schweizerinnen und Schweizer leben derzeit im Ausland. Wir haben eine von ihnen herausgepickt: die Ärztin Annemarie Tromp. Sie ist Mitglied des Auslandschweizerrats und lebt in Hamburg.

«Meine Auswanderung war ziemlich unspektakulär»: Annemarie Tromp in Hamburg.

«Aus den Augen, aus dem Sinn – in der Schweiz werden wir Schweizer, die im Ausland leben, viel zu wenig wahrgenommen.» Davon ist die seit gut sieben Jahren in Hamburg wohnhafte Stadtbernerin Annemarie Tromp überzeugt. Auch der Bekanntheitsgrad der Auslandschweizer-Organisation sei in der Schweiz viel zu gering. Mit ihren 34 Jahren ist die angehende Anästhesieärztin eines der jüngsten Mitglieder im Auslandschweizerrat. Sie erhofft sich von der 100-Jahr-Feier der ASO nun eine bessere Wahrnehmung der Fünften Schweiz. «Viele Menschen haben noch nicht zur Kenntnis genommen, dass sich die Auswanderung in den letzten Jahren grundlegend verändert hat», sagt sie. «Wir sind nicht Auswanderer im herkömmlichen Sinne, wie sie es bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren.» Annemarie Tromp zieht den Begriff der «mobilen Schweiz» der Auswanderung vor. «Denn wir kehren oft zurück.»

Tromp kam während ihres Medizinstudiums für ein dreimonatiges Praktikum in die Elbmetropole. Das war Zufall. Eigentlich reizte es sie, etwas ganz anderes kennenzulernen, vielleicht auf einem anderen Kontinent zu arbeiten. Aber ihr Bruder war Hamburg-Fan und legte ihr nicht ohne Eigennutz nahe, dort ihr Praktikum zu absolvieren.

Die Hafenstadt faszinierte die temperamentvolle junge Frau. Nach der Beendigung des Studiums in der Schweiz war klar: «Ich möchte in Hamburg leben.» Die Wohnungssuche entpuppte sich als eine echte Herausforderung. Deshalb kontaktierte sie Vreni Stebner, die damalige Präsidentin des Schweizer Vereins «Helvetia» Hamburg. «Sie konnte mir zwar nicht weiterhelfen, lud mich aber zum Stammtisch des Vereins ein.» Dort erzählten ihr ältere Landsleute spannende Geschichten von ihrer Auswanderung. «Meine Auswanderung dagegen war ziemlich unspektakulär. Ich musste zwar einen beachtlichen Papierkrieg bewältigen, aber die Anerkennung meines Studienabschlusses verlief dank der bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU problemlos.» Mittlerweile hat sie sich in der «Helvetia» Hamburg so gut eingelebt, dass sie 2015 zur Präsidentin des Vereins gewählt wurde.

Schwierige Rückkehr wegen der AHV

«Ganz bitter für uns mobile Schweizer ist die Abschaffung der freiwilligen AHV für Auslandschweizer», sagt sie zu den aktuellen Problemen. Schweizer Architekten und Ingenieure bauten auf der ganzen Welt Häuser oder Brücken. Wissenschaftler forschten an ausländischen Universitäten. Nach zwölf bis fünfzehn Jahren im Ausland stellten sie jedoch mit Schrecken fest, dass eine Rückkehr in die Schweiz wegen fehlender Beitragsjahre schwierig wird. Das sei auch für die Schweiz selbst ein markanter Verlust. Damit grenze sich unser Land vom Potenzial ihrer Landsleute im Ausland ab, meint Tromp.

Wenn sie Freunden in Bern erzähle, sie sei Auslandschweizerrätin, sei die Reaktion: Was ist denn das? Sie findet es erstaunlich, dass sie selbst erst 2012 in Hamburg von der Existenz der ASO erfuhr, obwohl sie als Tochter eines Berner Politikers immer glaubte, über Politik bestens informiert zu sein.

Wann und ob Annemarie Tromp mit ihrer Familie in die Schweiz zurückkehrt, ist noch völlig offen. Sie geniesst den Luxus der Jugend. Alle zwei Monate besucht sie mit ihrer Familie Bern. «Ab und zu muss ich die Berge sehen», erläutert sie. Und mit ihren zwei kleinen Töchtern spricht sie selbstverständlich «Bärndüütsch».

Monika Uwer-Zürcher ist Regionalredaktorin der «Schweizer Revue» in Deutschland

Kommentare (2)
  1. Michèle ETTLIN MOLLATTE Michèle ETTLIN MOLLATTE am 26.05.2016
    Les Suisses de l'intérieur ne sont pas les seuls à ignorer l'existence du Conseil des Suisses de l'étranger. Au moins 99% des Suisses de l'étranger sont dans ce cas.
  2. Gabi Philippou Gabi Philippou am 26.06.2016
    Begüglich freiwillige AHV - das ist wirklich bitter. Mein Mann und ich sind 1999 von der Schweiz nach Zypern ausgewandert. Er hat als Alleinverdiener 10 % seines Lohnes an die freiwillige AHV bezahlt, was bei den hiesigen Löhnen ein sehr grosser Betrag war. Aber wir fanden es wichtig, unsere Altersvorsorge zu sichern.
    Wegen der AHV-Revision durften wir ab 2013 keine Beiträge mehr bezahlen. Ich habe zweimal bei der freiwilligen AHV in Genf angerufen und keine zufriedenstellende Antwort bekommen auf die Frage, ob wir jetzt für die uns verbleibenden Jahre, in denen wir keine Beträge bezahlen dürfen, Rentenkürzungen erfahren. In Zypern sind die Renten viel tiefer, wir können uns ein Leben nach der Pensionierung in der Schweiz nicht leisten. Wir fühlen uns diskriminiert.

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