Das Meer und die Weite Asiens waren ihre Heimat

Mit ihren Büchern liess Ella Maillart unzählige an ihren Reisen in alle Welt teilnehmen.

«Ausser auf dem Meer oder auf den Skiern fühlte ich mich verloren und lebte nur zur Hälfte.» Das versteht durchaus, wer weiss, dass diese Ella Maillart, am 20. Februar 1903 in Genf als Tochter eines Pelzhändlers und einer dänischen Sportlerin geboren, in beiden Bereichen grandios war. So kreuzte die Zwanzigjährige mit ihrer Freundin «Miette» de Saussure auf der «Perlette» vor Cannes, ehe sie auf der Yawl «Bonita» zu den griechischen Inseln fuhr und sich ganze Sommer lang als Matrose auf britischen Jachten verdingte. Die Kür aber gelang ihr auf ihrer Einhand-Jolle, mit der sie 1924 die Schweiz an den Olympischen Spielen vertrat. Auch auf den Skiern gehörte sie zu den Besten und nahm von 1931 bis 1934 für die Schweiz viermal an Weltmeisterschaften teil.

Reisen als intensive Lebensform

Längst aber hatte sie das Reisen als besonders intensive Lebensform entdeckt. Sie lebte in Berlin, als sie 1929 von der Witwe von Jack London 50 Dollar geschenkt bekam und damit nach Russland aufbrach, um selbst zu erleben, was die Revolution den Menschen gebracht hatte. Nach sechs Monaten war sie zurück und wurde vom Verleger Charles Fasquelle um einen Reisebericht gebeten. «Ich hasse schreiben», erwiderte sie, was der Verleger mit «Was für eine Chance!» quittierte und 1932 aus dem unverfroren-frischen Bericht der jungen Frau den Bestseller «Parmi la jeunesse russe» («Auf kühner Reise») machte: für Paris eine Sensation, für Genf ein Skandal, für Ella Maillart selbst aber das Debüt als eine der meistgelesenen Reiseschriftstellerinnen der Epoche.

Noch im gleichen Jahr begann, was sie 1938 in «Turkestan solo» schildern sollte: der Trip durch Turkestan und Kirgisien zu den Siebentausendern von Tian Shan. 1935 durchquerte sie zusammen mit Peter Fleming mitten im chinesischen Bürgerkrieg ganz China und Indien auf Wegen, die für Europäer verboten waren. «Oasis interdites» («Verbotene Reise») hiess 1937 ihr Bericht. Fleming hatte das Abenteuer schon 1936 in «News from Tartary» beschrieben, wo zur Rolle seiner Partnerin zu lesen war: «Wir wussten beide, dass sie sozusagen der bessere Mann war.»

1937 reiste sie durch die Türkei, den Iran und Afghanistan nach Indien und berichtete 1938 auf einer Vortragstournee davon. Dabei begegnete sie Annemarie Schwarzenbach, die sie dazu überreden konnte, die Reise mit ihr im Auto zu wiederholen. Die Fahrt im Ford Roadster wurde 1939 Ella Maillarts schwierigste Reise überhaupt – scheiterte sie doch glorios mit ihrer Strategie, die Gefährtin von der Drogensucht abzubringen. In Kabul liess sie sie zurück und begab sich allein nach Indien, wo sie den Krieg über blieb und in einem Ashram «die unerkundeten Regionen des eigenen Geistes» erforschte. Die Fahrt nach Kabul aber beschrieb sie 1948 in «The Cruel Way» («Der bittere Weg»), wo sie die inzwischen verstorbene Freundin als Christina auftreten liess.

1946 kehrte sie in die Schweiz zurück und wurde nun erstmals sesshaft. Im Walliser Dorf Chandolin, auf 2000 Meter Höhe, liess sie sich das Chalet «Atchala» bauen, das sie bis zu ihrem Tod am 27. März 1997 bewohnte. Solange sie konnte, bereiste sie weiterhin die ganze Welt. So hielt sie sich 1951 in Nepal auf, wo ihr Buch «The Land of the Sherpas» entstand, und von 1957 bis 1987 machte sie als Reiseleiterin unzählige Menschen mit Asien vertraut. «Stellt euch unablässig die Frage: ‹Wer bin ich› », riet sie ihren Mitreisenden. «Und durch diese ständige Suche wird euch klar werden, dass ihr selbst das Licht der Erkenntnis seid.»

 

charles linsmayer ist literaturwissenschaftler und journalist in zürich

 «In Indien stand ich am Anfang einer ganz neuen Reise, die mich weiter zu einem erfüllten und harmonischen Leben führen sollte, als ich es instinktiv suchte. Um diese Reise zu unternehmen, musste ich zuerst die unbekannten Landschaften meines eigenen Geistes kennenlernen. Und diese Arbeit ist so weitläufig wie das Leben selbst, umfasst sie doch die Erforschung unseres physischen, psychischen, gemütsmässigen und seelischen Daseins.» (Aus «Croisières et caravanes», 1950)

Bibliografie: Bei Lenos sind «Auf kühner Reise», «Der bittere Weg» und «Verbotene Reise» greifbar.

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