Sie träumte noch bei lichterlohem Verstand!

Cécile Ines Loos lebte in England, vielleicht auch in Polen, den schönsten Auslandsaufenthalt aber gab es nur in ihrer Phantasie.

«Hiermit übersende ich Ihnen mein Manuskript ‹Matka Boska›, das vielleicht meine Anschauungen enthält über Religion, Lebensverhalten, Liebe, Geld etc.» Was die Sekretärin Cécile Ines Loos 1927 dem Präsidenten des Basler kaufmännischen Vereins mit dem Roman zusammen zuschickte, deutet indirekt an, wie viel Schweres dem Buch vorangegangen war – und sollte sie zwei Jahre später zur berühmten Autorin machen. Am 4. Februar 1883 als Kind eines deutschen Organisten und einer Mutter aus besseren Basler Kreisen geboren, war sie nach dem frühen Tod der Mutter zu einer Pflegefamilie in Burgdorf gekommen, die sie in ein pietistisches Waisenhaus bei Bern weitergab. Dort wurden jene pädagogischen Zwangsmethoden praktiziert, die sie 1938 im Roman «Der Tod und das Püppchen» denunzieren sollte. Zur Kindergärtnerin ausgebildet, war sie 1906 erstmals Auslandschweizerin: als Gouvernante bei einem königlichen Richter in England. Dor erlebte sie vieles, was 1931 in ihren zweiten Roman «Die Rätsel der Turandot» einfliessen sollte. 

1909 verlieren sich ihre Spuren. «Mitten aus dem sogenannten Glück reiste ich ab», erklärte sie später. «Matka Boska» lässt ahnen, dass sie unter quälenden Umständen in Polen gewesen sein musste, ehe sie 1911 in Mailand wieder amtlich registriert wurde: als Mutter ihres illegitimen Sohnes Leonardo. Nach einem Aufenthalt in Bern, wo ein Pfarrer sie auf den Pfad der Tugend zurückführen wollte und sich an ihr vergriff, verschwand sie erneut für Jahre im Unbekannten, bis sie 1921 in Basel wieder auftauchte.

Vom Zimmermädchen zur Autorin

Sie brachte sich als Zimmermädchen und Serviertochter durch, stieg zur Sekretärin auf und machte mit «Matka Boska» Furore. «Ich schrieb und schrieb wie ein Tiger aus dem Busch, um mich herauszuarbeiten aus meinen Erlebnissen», lautete das eigene Fazit zum literarischen Debüt. Nach «Matka Boska» und «Turandot» verliess sie das Glück schon wieder. Was sie weiter schrieb, rang sie einem schweren Schicksal ab als alleinerziehende Mutter am Rande von Hunger und Not. Als 1938 und 1942 ihre geglücktesten Werke, «Der Tod und das Püppchen» und «Hinter dem Mond», erschienen, fand ihre leise, imaginative Prosa wenig Echo beim Publikum. Völlig verarmt und auf die Unterstützung mildtätiger Professorengattinnen angewiesen, starb sie am 21. Januar 1959 im ­Basler Bürgerspital. Nur einmal noch war sie im Ausland gewesen: 1952, als sie ihre Ersparnisse auf einer Kreuzfahrt nach Palästina verbrauchte. 

Erträumtes Brasilien

Den schönsten und am überzeugendsten beschriebenen Auslandsaufenthalt aber hat sie nicht erlebt, sondern erfunden. Im Roman «Hinter dem Mond», wo sie eine Frau namens Susanna als Gattin eines deutschen Pastors nach Brasilien reisen lässt, wo sie eine wenig glückliche Ehe führt, sich in 25 Jahren jedoch allmählich an das fremde Land gewöhnet. Wobei ­Susanna die Härten des Landes und das Verhalten ihres Mannes nur deshalb aushält, weil sie die Viehweiden des Juras und ihren Jugendfreund Petitmoi «hinter dem Mond» vor dem inneren Auge präsent hält. Dass sie Brasilien nie gesehen, sondern nur geträumt habe, nahm Cécile Ines Loos 1942 nur Max Frisch ab, als er von ihr sagte: «Sie träumt noch bei lichterlohem Verstand.»

charles linsmayer ist literaturwissenschaftler und journalist in zürich

«Mir persönlich war die Pädagogik nicht bloss fremd, sondern unsympathisch. Leider aber muss man immer das tun, was einen am geringsten freut. Zwar hatte auch mir sich der Selbsterhaltungstrieb eines Tages eingestellt, aber dann sah er ungefähr so aus: Ich ging über die Erde und gab jedem, dem ich begegnete, eine Blume in die Hand. Das war eine Blume auf einem goldenen Stengel und bedeutete die Freude. Mit Pädagogik hatte dies weiter nichts zu tun. Pädagogik war einfach eine Abwehrstellung des Stärkeren gegen den Schwächeren.» (Aus «Liebhabertheater», in «Verzauberte Welt», ein Lesebuch, edition kürz, 1985, vergriffen) 

Bibliografie: Von Cécile Ines Loos ist kein Buch greifbar, aber im Herbst 2015 erscheint «Matka Boska» in einer Neuausgabe als Band 33 von «Reprinted by Huber».

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