Er machte die Welt zum Roman-Schauplatz

John Knittel war in vielen Ländern zu Hause und schrieb auf Englisch Bestseller um Bestseller

Geboren wird er am 24.März 1891 als Sohn eines Basler ­Missionars im indischen Dharwar, wo er die ersten drei ­Lebensjahre verbringt. Als Gymnasiast in Basel erscheint John Knittel dem Mitschüler Carl Jakob Burckhardt als «staunenswerter Fremdling». Noch vor der Matura zieht er mit 19 Jahren wieder in die Welt hinaus. In London arbeitet er bei einer Bank, dann bei einer Filmgesellschaft und heiratet 1915 die 17-jährige Frances Rose White-Bridger. Ihr bleibt er bis zu seinem Tod am 26. April 1970 treu. Durch die Begegnung mit dem Schriftsteller Robert Hichens wird er zum Dramatiker, dann zum Erzähler und publiziert 1921 den Romanerstling «Aaron West», die Geschichte eines Berserkers mit einer liebeshungrigen Seele, der an der Liebe zu zwei Frauen zerbricht. 1924, in «Der Weg durch die Nacht», geht David Bright, ein junger Mann aus gutem Hause, an der Liebe und an seiner Umwelt zugrunde, weil er das Trauma des 1. Weltkriegs nicht loswird.

Wie Knittels ganzes Œuvre sind die zwei Romane in englischer Sprache geschrieben. Viele halten den Autor, der in London, in Lissabon, in Marrakesch und ab 1932 in Ain Shems bei Kairo lebt, ehe er sich 1938 in Maienfeld niederlässt, denn auch für einen Engländer. Die «NZZ» konstatiert 1921: «Knittel gehört zu der internationalen Art Schrift­steller, bei denen die Sprache gar nicht zählt. Er ist in jeder Sprache schon Übersetzung.»

Arabische Schauplätze

Auch von den Schauplätzen her ist John Knittel international. Von 1929 bis 1933 legt er die ersten drei jener Romane vor, die ihm den Ruf eines gewieften Kenners der ägyptisch-arabischen Welt einbringen: «Der blaue Basalt», die imaginäre Begegnung eines Ägyptologen mit einer aus der Mumifizierung wiedererwachten Pharaonin. «Abd-el-­Kader», der Roman eines marokkanischen Rebellenführers, der einen General der Besatzungsarmee als Geisel nimmt und von diesem getötet wird, ohne dass er erfahren hätte, dass es sein Vater ist. Schliesslich «Der Commandant», der in Marrakesch spielende Roman des russischen Fremdenlegionärs Igor, der auf Frauen eine unerklärlich starke Faszination ausübt.

Zwei der erfolgreichsten Bücher spielen in der Schweiz. Das Familiendrama «Thérèse Etienne» von 1927, ein Roman, in dem der junge Gottfried Müller so zwanghaft von der Liebe zu Thérèse, der wesentlich jüngeren zweiten Frau seines Vaters, gepackt wird, dass er zur treibenden Kraft an dem Mord wird, mit dem die heimliche Geliebte sich von seinem Vater befreit. Und «Via Mala» von 1934, wo wiederum ein Vatermord geschildert wird, diesmal verübt an dem selbstherrlichen Bündner Sägereibesitzer Jonas Lauretz, der seine Kinder so brutal unterdrückt, dass sie ihn schliesslich töten. 1936 setzt Knittel die «arabische Serie» mit dem ägyptischen Arztroman «El Hakim» fort, 1948 folgt der ­Afrika-Roman «Terra magna», 1953 der in Frankreich spielende Kriegsheimkehrerroman «Jean Michel» und 1959 als letztes Werk der Industriellen-Roman «Arietta».

Nach 1945 bleibt der Erfolg weitgehend aus. Zum einen wird Knittels traditionelle Erzählweise durch modernere Schreibweisen konkurrenziert. Zum anderen aber schadet es ihm, dass er – etwa seiner Mitgliedschaft in Goebbels «Europäischer Schriftsteller-Vereinigung» wegen – als Nazi-Kollaborateur verdächtigt wird, obwohl ihm niemals Parteinahme nachzuweisen ist, höchstens Naivität. Mit seinem Werk, das die ganze Welt zum Schauplatz macht, Menschen aller Hautfarben auftreten lässt und immer wieder die Versündigung Europas der Dritten Welt gegenüber beklagt, ist Knittel vom chauvinistischen Rassenwahn der Nazis so weit entfernt wie nur denkbar.

charles linsmayer ist literaturwissenschaftler
und journalist in zürich

 

«Aktien und Börsenpapiere sind die Dokumente, die den Hass und den Kampf zwischen den Klassen bezeugen, der heute über die ganze Welt hintobt. Wenn Mr. Salomon Montague für zehntausend Pfund fünfprozentige Kriegsanleihen besitzt und für zehntausend Pfund Sheffield-Stahlaktien, aus denen er sein Einkommen bezieht, so erkläre ich, dass Mr. Salomon Montague von dem Blut und dem Schweiss seiner Mitmenschen lebt.»

(David Bright in «Der Weg durch die Nacht», 1924)

Bibliografie: «Thérèse Etienne», «Via Mala» und «El Hakim» sind als S.-Fischer-Taschenbücher greifbar.

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