Von Engherzigkeit und Doppelmoral

Verena Stefan: «Die Befragung der Zeit». Verlag Nagel und Kimche, München 2014. 224 Seiten. CHF 27.90, ca. Euro 23.

Die Autorin hat keinen Aufwand gescheut: Im Berner Staatsarchiv hat sie eine Akte von 800 Seiten über Abtreibungsprozesse eines Dorfarztes durchforstet. Der Arzt war ihr Grossvater, die Autorin ist Verena Stefan. Sie lebt heute in Kanada. Mit ihrem Werk «Häutungen» hat sie 1975 ein Kultbuch der feministischen Bewegung geschrieben. Verfehlt wäre, daraus nun den Schluss zu ziehen, ihr jüngster, dokumentarischer Roman «Die Befragung der Zeit» sei eine Art Heldenepos über einen Arzt im Dienste der sexuellen Selbstbestimmung der Frau. Julius Brunner, so heisst die Hauptperson, ist weder Idealist noch Überzeugungstäter; er ist aber auch nicht ein gemeiner Kerl, der die Notlage von Frauen zur persönlichen Bereicherung ausnutzt. Er rutscht in den Vierzigerjahren eher widerwillig in die Sache hinein, weil er «einfach zu leicht nachgegeben» hat, wenn die Frauen «gebettelt und gebeten» haben.

Das Buch vereint Dokumentation und Fiktion in spannenden Handlungssträngen. Es beleuchtet einen Aspekt helvetischer Justizgeschichte, als die Gerichte noch mit inquisitorischer Härte gegen den Schwangerschaftsabbruch vorgingen; erst 2002 wurde in der Schweiz die Abtreibung legalisiert. Verena Stefan zitiert ausführlich aus den Prozessakten, die zeigen, wie erniedrigend die Verhöre waren. Das Dokumentarische ist eingebettet in eine über weite Strecken fiktive, keineswegs idyllische Familiengeschichte; vor allem das Verhältnis zwischen Julius Brunner und seiner Ehefrau Lina bleibt zeitlebens gespannt.

Umso besser verstehen sich Brunner und seine kleine Enkelin Rosa. Besonders berührt, wie die Vierjährige das für sie unverständliche Geschehen rund um ihren geliebten Grossvater einzuordnen versucht. Denn die Lage kompliziert sich, als der schon alte Arzt eines Tages von der Polizei verhaftet und zur Überprüfung seiner Zurechnungsfähigkeit in die Psychiatrie eingewiesen wird. Eine junge Kellnerin hat die Justizmaschinerie ins Rollen gebracht. Sie hat in ihrer Verzweiflung die Dienste des Arztes in Anspruch genommen, konnte aber nach dem Eingriff ihr Geheimnis nicht für sich behalten.

Verena Stefan hat ein vielschichtiges Buch geschrieben und sich dabei stärker als einfühlsame Chronistin betätigt denn als Anwältin des Feminismus. Umso eindrücklicher prägt sich das Bild einer engherzigen, von Doppelmoral triefenden Gesellschaft ein. Mit den Worten von Doktor Brunner? «Abtreibung ist nach wie vor die sicherste Verhütungsmethode, das wissen auch die Herren Obrigkeiten genau. Schliesslich nehmen sie sie häufig genug für ihre Gattinnen und Mätressen in Anspruch.»

Kommentare (1)
  1. R. Lütold R. Lütold am 04.02.2015
    Zu "Von Engherzigkeit und Doppelmoral"

    Herr Müller

    Es ist einfach nur zynisch, ein solches Buch bzw. einen solchen Artikel darüber zu verfassen.

    Besonder schockiert hat mich der Satz “. Umso eindrücklicher prägt sich das Bild einer engherzigen,
    von Doppelmoral triefenden Gesellschaft ein. Mit den Worten von Doktor Brunner? «Abtreibung ist nach
    wie vor die sicherste Verhütungsmethode, das wissen auch die Herren Obrigkeiten genau. Schliesslich
    nehmen sie sie häufig genug für ihre Gattinnen und Mätressen in Anspruch.»

    Wie kann man Abtreibung als “sicherste Verhütungsmethode” bezeichnen?!
    Abtreibung ist Mord – da helfen alle ach so akademisch hochstehenden Diskussionen nichts,
    denn bei der Zellteilung in der ersten Sekunde ist ein Menschenleben “aktiviert” worden.

    Bitte verschonen Sie und zukünftig mit solch einseitigem Feminismus-Dreck. Danke.

    Es grüsst Sie

    R. Luetold
    Dipl. Ing., Chiangmai und Bern

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