In höchster Not zum Dichter geworden: Karl Stauffer-Bern

Eine verbotene Liebe wurde dem berühmten Porträtisten und Radierer zum Verhängnis

 

Er ist zwischen 1874 und 1888 in Deutschland zu dem geworden, was der Nachwelt in Erinnerung blieb. Geboren ist Karl Stauffer-Bern am 2. September 1857 in Trubschachen. Bis 1879 lebte er in München, wo er den Sprung vom Flachmaler in die Akademie schaffte, ab 1880 in Berlin, wo er 1881 mit einem Porträt des Bildhauers Max Klein die Gold­medaille der akademischen Ausstellung gewann und so die Grundlage für eine glanzvolle Karriere als Porträtist legte. Erst als Zeichner und Maler, dann als Radierer schuf er Bilder der Dichter Gustav Freytag, Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller und der Künstler Adolf Menzel und Peter Halm. Im Sommer aber vertauschte er sein Atelier beim Berliner Tiergarten jeweils mit dem Gewächshaus der Villa Belvoir in Zürich, das ihm sein Berner Schulfreund Friedrich Emil Welti, Sohn von Bundesrat Emil Welti und Gatte von Alfred Eschers Tochter Lydia, zur Verfügung stellte.

Von Deutschland nach Italien

Stauffers zweite Wahlheimat wurde Italien, wo ihm zwischen dem Frühling 1888, als er in Rom ein Bildhaueratelier eröffnete, und dem 24. Januar 1891, als er sich in Florenz mit einer Überdosis Chloral das Leben nahm, nur ein kurzer, von erschütternder Tragik bestimmter Aufenthalt gegönnt war. Die Beziehung zu Lydia Welti-Escher, deren Porträt er im Belvoir gemalt hatte, war zu einer Liebesgeschichte geworden, die nach einem gemeinsamen Aufenthalt mit dem Ehepaar Welti in Florenz 1889 zur Flucht der Liebenden nach Rom führte. Hier entwarf Stauffer hybride Pläne für eine antike Tempelstadt, die mit Lydias Millionenerbe hätte gebaut werden sollen. Ehe es soweit kam, gelang es Welti jedoch, seinen Vater, Bundesrat Welti, zum Einschreiten zu bewegen, so dass Italien Lydia als geisteskrank internierte. Stauffer wurde wegen Vergewaltigung einer Geisteskranken angeklagt und als Gefangener nach Florenz transportiert. Dort, im Kerker am Arno, begann er in tiefster Not zu dichten und beschrieb in von Verwirrung, aber auch von Begabung zeugenden erschütternden Versen seine Liebe und das Unrecht, das ihm geschehen war: «Das weiss ich, dass der HERR mich in den letzten Wochen stark gepresst hat und dass ich Dichter geworden bin an Leib und Seele.»
Verzweifelt erinnerte der Gefangene sich an den Belvoir-Park und das Aufkeimen der Liebe, die ihm zum Verhängnis geworden war: «Da hast du meine Rede wohl gelitten / Und Frauen Huld und Liebe mir geschenkt, / Und mich gefangen mit der Blicke Macht, / Dort, wo der See an seine Ufer lacht.» Zwar wurde Stauffer freigesprochen, aber er war innerlich gebrochen und litt entsetzlich an Lydias Verrat. Schliesslich konnte er nicht wissen, dass sie sich, von ihrem Gatten in die psychiatrische Klinik Königsfelden überführt, noch im Februar 1890 im Gespräch mit dem Arzt durchaus eine Fortsetzung der Beziehung hatte vorstellen können: «Ich begehre unsere Beziehung nur fortzusetzen, um etwas Schönes und Grosses zu vollbringen, um zusammen eine wichtige Arbeit zu machen, aber ich möchte nicht ständig mit ihm zusammensein.»
Als sie von seinem Tod hörte, schickte sie einen Kranz mit der Aufschrift «Den Manen meines unvergesslichen Freundes». Den Bedingungen, unter denen sie das Irrenhaus verlassen durfte, fügte sie sich nur äusserlich. Sie überliess Welti 1,2 Millionen von ihrem Vermögen, errichtete aber, zweifellos im Andenken an Karl Stauffer, mit dem Rest die für die Kunstförderung bestimmte «Gottfried Keller-Stiftung» und übertrug deren Leitung der Eidgenossenschaft. Dann, am 12. Dezember 1891, folgte sie Stauffer in den Tod, indem sie in ihrer Villa in Champel bei Genf den Gashahn öffnete.

Charles Linsmayer ist literaturwissenschaftler und journalist in Zürich

«Ich habe meine Phantasie gebändigt 32 Jahre und geredet, um meine Gedanken zu verbergen. Der liebe Gott hat aus mir einen Baumeister machen wollen. O wunderbare Baukunst, in welche Lumpen hüllen die Barbaren ­deine klassischen Glieder! Du bist meine Liebe, und ich will für dich kämpfen zu Fuss und zu Pferd mit Lanze und Schwert, bis sie mich umbringen. Zwar haben sie die Göttinnen alle gefangen, dich haben sie zur Hure gemacht, aber deine Jugend ist ewig.»

(Aus Stauffer-Berns Florentiner Tagebuch)

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